Neuerwerbung: Stuttgart, wie es war, als unser Museum das Licht der Welt erblickte

Das Landesmuseum Württemberg feiert in diesem Monat seinen 160. Geburtstag. Am 17.6.1862 vollzog König Wilhelm I. von Württemberg (reg. 1816–1864) die Gründung der „Königlichen Staatssammlung vaterländischer Kunst- und Alterthumsdenkmale“. Wie sah Stuttgart damals aus, das noch gar nicht wusste, dass es als kulturelles Zentrum Württembergs einmal eine ganze Reihe bedeutender staatlicher, städtischer und privater Museen beherbergen würde?

Eine Neuerwerbung erlaubt es uns neuerdings, die Perspektive von Betrachter*innen dieser Zeit einzunehmen, die ihren Blick von der noch kaum bebauten „Halbhöhenlage“ über Stuttgart schweifen lassen konnten. Das kleinformatige Gemälde (Höhe 36 cm, Breite 47 cm) wurde dem Landesmuseum erst vor Kurzem von Privatleuten angeboten und für die Sammlung angekauft. Jetzt ist es gereinigt und frisch restauriert und wir können es erstmals der Öffentlichkeit vorstellen.

Stadtansicht von Stuttgart, 1863

Ein Neuzugang mit tollen Aussichten

Es handelt sich offenkundig nicht um das Meisterwerk einer professionellen Malerin oder eines Malers. Vielmehr könnte eine Amateurin den damaligen Blick über das Stadtzentrum von oberhalb der damaligen Bebauungsgrenze aus festgehalten haben. Auf einem Zettel auf der Rückseite wird eine „Luise Katharina Leih“ als Urheberin genannt sowie das Datum 1848. Da letzteres nicht stimmen kann, wie noch zu erläutern sein wird, ist auch der Name der Künstlerin nicht gesichert. Hierzu müssen noch weitere Forschungen erfolgen. Trotz gewisser malerischer Schwächen ist die Ansicht topografisch überraschend genau, wie wir sehen werden. Denn es ist keine Grafik bekannt, die als Vorlage gedient haben könnte.

Stadtansicht von Stuttgart, 1863, Detail Personen im Gespräch

Das unsignierte Leinwandgemälde zeigt den Blick über Stuttgart etwas oberhalb des einstigen Kanonenwegs, der sich südlich der damaligen Stadt vom späteren Eugensplatz aus am Hang der Uhlandshöhe entlang zog. Der Weg heißt heute Haußmannstraße und war wegen seines Panoramas bei sonntäglichen Spaziergängern sehr beliebt. Dementsprechend ist auch auf dem Gemälde ein bürgerlich gekleideter Betrachter im Mittelgrund links zu erkennen. Rechts begegnen sich ein Mann und eine Frau in Arbeitskleidung. Der linke ist wohl ein Weingärtner mit Kiepe, Hacke und Rebmesser am Gürtel. Die Hänge waren damals noch weitgehend mit Wein bepflanzt. Die Frau trägt einen schwer beladenen Korb auf dem Kopf, auch dies damals offenbar ein gewohnter Anblick in Stuttgart.

Am Kanonenweg befanden sich außer Weinberghäuschen auch beliebte Ausflugslokale. Ein noch nicht sicher identifiziertes Gebäude ist links im Bild angeschnitten zu sehen. Handelt es sich vielleicht um das damals viel frequentierte Schützenhaus? Die heutige Aussicht von einem annähernd vergleichbaren Standort mit freiem Blick zeigt das Foto, das am Eugensplatz aufgenommen wurde.

Das Stadtzentrum von Stuttgart vom Eugensplatz aus, 2022

Im Hintergrund des Gemäldes streift der Blick über die nördlichen Hänge des Stuttgarter „Kessels“; auf der Höhe des Kräherwaldes sind markante Pappeln angedeutet.

Im Stadtzentrum erkennt man zentral das Alte und das Neue Schloss, die ihr Äußeres bis heute weitgehend bewahrt haben. Hinter dem Alten Schloss sind die Türme der Stiftskirche zu erkennen, in der Ferne außerdem die nach dem Zweiten Weltkrieg nur teilweise wieder aufgebaute Hospitalkirche. Am Schlossplatz steht noch das Kronprinzenpalais (1846–1850 erbaut; kriegszerstört; hier erhebt sich heute das Kunstmuseum) und daneben der Königsbau mit seiner markanten Säulenreihe (1855–1860 errichtet). Die heute noch sprudelnden Brunnen auf dem Schlossplatz kamen erst 1863 hinzu, und so kann unser Gemälde frühestens in diesem Jahr entstanden sein. Zudem ist die Figur der Concordia auf der älteren Jubiläumssäule nicht dargestellt, welche ebenfalls im Laufe des Jahres 1863 aufgesetzt wurde. Dieser Zustand kann so nur 1863 existiert haben.

Stadtansicht Stuttgart, 1863, Detail Schlossplatz

Zur Rechten des Königsbaus ist das Obergeschoss des Hoftheaters (bis 1846 umgebautes ehemaliges Neues Lusthaus) zu erkennen, davor der Schlossgarten. Interessant ist auch die vordere sichtbare Reihe der Bebauung: Hier ziehen sich bildparallel vorne die Urbanstraße und dahinter die Neckarstraße am Fuß des Hanges entlang. Letztere heißt heute in diesem Abschnitt Konrad-Adenauer-Straße. An ihr liegt auf der Rückseite des Neuen Schlosses die ehemalige Kaserne, die unter Herzog Carl Eugen (reg. 1744–1793) von 1775 bis 1794 die Hohe Karlsschule beherbergte (heute Grünfläche am Charlottenplatz).

Stadtansicht Stuttgart, 1863, Detail Neckarstraße

Auf der südlichen Straßenseiten der Neckarstraße fallen außer dem vom Bauwerk im Vordergrund angeschnittenen gelblichen Wilhelmspalais (heute Stadtpalais) zwei große hellere dreistöckige Gebäude auf, die uns wichtige Datierungshilfen liefern: links das Königliche Haus- und Staatsarchiv (erbaut 1822–1826; 1837 Aufstockung um ein drittes Geschoss; bis 1864 erfolgte entlang der Archivstraße ein Anbau zur Unterbringung des Naturalienkabinetts, der hier noch nicht zu sehen ist; heute hier der Neubau des Hauptstaatsarchivs). Rechts davon folgt die Königliche Öffentliche Bibliothek (seit 1820 im Invalidenhaus an der Neckarstraße; 1875–1885 Neubau, der hier noch nicht zu sehen ist; heute an dieser Stelle moderne Bauten der Württembergischen Landesbibliothek).

Stadtansicht Stuttgart, 1863, Jubiläumssäule und Brunnen

Die Datierung unserer Stadtansicht lässt sich also präzise auf 1863 eingrenzen, als das Staatsarchiv seinen Anbau noch nicht besaß und die Concordia noch nicht die Jubiläumssäule zierte, aber die Brunnen auf dem Schlossplatz bereits existierten.

(Für wichtige Hinweise bei der Einordnung des Gemäldes danke ich: Prof. Dr. Klaus Jan Philipp, Universität Stuttgart; Dr. Bettina Kunz, Stadtarchiv Stuttgart; Dr. Hans-Martin Kaulbach, Esslingen).

Das Landesmuseum Württemberg – tief verwurzelt in Stuttgarts Innenstadt

Für die Geschichte unseres Museums, dessen Geburtstag wir im Juni 2022 begehen, ist das Gemälde aber auch interessant, weil es gleich mehrere für die Sammlungen wichtige Unterbringungsorte zeigt: Die Hohe Karlsschule beherbergte ab 1783 nach und nach alle Bestände der viel älteren Herzoglichen Kunstkammer, die Ihr heute bei uns im Alten Schloss besichtigen könnt. Die Bibliothek an der Neckarstraße wurde ab 1884 im Erdgeschoss Ausstellungsort der Königlichen Staatssammlung, welche zuvor nur provisorisch in Privathäusern aufbewahrt worden war. Hierher gelangte kurz darauf auch der Bestand der Kunstkammer. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden dann Neues und später auch Altes Schloss für die Präsentation der Sammlungen genutzt. Mehr über die Geschichte des Landesmuseums Württemberg erfahrt Ihr hier.

Die Stadtansicht wurde restauriert: Zu sehen ist ein Zwischenschritt mit und ohne vergilbtem Firnis.

Einer Neuerwerbung für das Landesmuseum, wie sie dieses Gemälde darstellt, geht eine gründliche Prüfung und erste wissenschaftliche Einordnung voraus. Der Vorgang ist mit dem Ankauf selbst jedoch nicht abgeschlossen. Dieser wird im Hauptbuch dokumentiert und zugleich eine Inventarnummer vergeben, im Falle der Stadtansicht die Inv.-Nr. 2022-1. Danach muss oft eine restauratorische Behandlung erfolgen sowie ein Platz in der Schausammlung oder im Depot gefunden werden. Das Objekt wird fotografiert und mit den wichtigsten Angaben in die Datenbank aufgenommen.

Das alte Stuttgart in neuem Glanz

Beim Ankauf befand sich das Gemälde im mäßigen Zustand. Durch die behutsame Abnahme von Oberflächenschmutz, vergilbtem Firnis und nachgedunkelten Altretuschen konnte die ursprüngliche Farbigkeit des Gemäldes wiederhergestellt werden.

Unsere Neuerwerbung während der Restaurierung

Anschließendes Planieren und Verkleben der Risse und Löcher führten zur Instandsetzung der Leinwand. Die im Anschluss ausgeführten Kittungen und Retuschen, sowie die Aufbringung eines neuen Firnisses resultierten in einer Beruhigung des Gesamteindruckes. Abschließende Maßnahmen, wie das Anbringen von geeigneten Aufhängesystemen und eines Rückseitenschutzes, dienen dem Schutz des Ist-Zustandes und sorgen für eine mögliche adäquate Verwahrung.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.