Wie viel ist das denn Wert?

„Guten Tag, ich habe da auf dem Dachboden meiner Großmutter eine schöne Vase gefunden. Die Oma hat sie jahrelang gehütet und sagt, sie ein besonderes Stück. Jetzt interessiert mich, was die Wert ist!“ Im Schnitt jede Woche erreichen mich als Kuratorin und Sammlungsleiterin für Mode, Textil und Neueres Kunsthandwerk Anfragen dieser Art, bei denen Menschen um Rat und Orientierung bei der Wertermittlung ihrer Erbstücke und Privatsammlungen bitten. Spätestens seit Fernsehsendungen wie „Kunst und Krempel“ (BR) „Bares für Rares“ (ZDF) oder „Kaputt und… zugenäht!“ (ZDF), bei denen Antiquitäten von Antiquaren oder anderen Fachleuten geprüft und bewertet werden, eine ungeheure Popularität genießen, hofft so mancher bei der Vase der Großmutter auf einen außergewöhnlichen Fund. Als Museum sind wir für Anfragen solcher Art eigentlich nicht die richtigen Ansprechpartner – zumal wir als öffentliche Landesinstitution auch keine Gutachten ausstellen oder Wertangaben machen können – und so verweise ich die Fragenden meist an ein Auktionshaus oder ein Antiquariat. Natürlich nicht ohne vorher zu prüfen, ob wir vielleicht in unseren Sammlungen ein ähnliches Stück haben, so dass man zumindest schon mal was zur Datierung oder dem Hersteller sagen und eine grobe Orientierung geben kann, ob es sich eher um „Kunst“ oder doch eher um „Krempel“ handelt, bei dem der Wert vor allem in der emotionalen Bedeutung des Stücks für die Familie liegt.

Die Schätze des Landes beziffern

 

Maaike van Rijn bei der Sammlungsbewertung im Keramikdepot Ludwigsburg

Maaike van Rijn bei der Sammlungsbewertung im Keramikdepot

„Was das denn alles Wert ist?“ will auch das Land Baden-Württemberg wissen. In einem großangelegten Projekt, das über mehrere Jahre läuft, sind derzeit alle staatlichen Museen Baden-Württembergs angehalten, sämtliche Objekte aus ihren Sammlungen zu bewerten. Ist also die Vase, die bei uns im Depot neben vielen anderen steht eher 100, 1000 oder 10.000 Euro wert? Dass die Sammlungsbewertung ein recht komplexes Unterfangen ist, merken wir hier im Haus gerade alle. Zum einen stellt schon allein die Masse der Objekte eine große Herausforderung dar (so betreue ich in meinen Sammlungen beispielsweise über 30.000 Objekte), zum anderen ist das mit der Wertermittlung in der Kunst generell ein schwieriges Thema, über das schon viel geschrieben, gesprochen, diskutiert und spekuliert wurde.

Materialwert, Erinnerungswert, Seltenheitswert

In den seltensten Fällen lässt sich der Wert einer Vase ja allein am Materialwert (ist sie vergoldet oder nicht?) festmachen. Vielmehr spielen da Aspekte wie die Herkunft, der Künstler, die Seltenheit oder der Sammlungszusammenhang eine ausschlaggebende Rolle. Eine einfache Porzellanvase ist natürlich mehr Wert, wenn sie nachweislich von Königin Olga genutzt wurde statt von Lieschen Müller und wiederum noch mehr, wenn sie Teil eines Sammlungskonvolut, zum Beispiel Bestandteil der königlichen Mitgift ist. So kann ein und dieselbe weiße Vase mal mit 10 Euro bewertet werden (wenn wir nicht mehr über sie wissen als „weiße Keramikvase“) oder auf mehrere tausend Euro beziffert sein. Leichter wird es natürlich, wenn Eckdaten wie der Einkaufspreis bekannt sind, oder wenn man die Möglichkeit hat, in Onlinedatenbanken die Auktionsergebnisse ähnlicher Stücke zu ermitteln und mit den eigenen Einschätzungen abzugleichen.

Bewerten klingt leichter, als es ist

Die Sammlungsbewertung ist aufwendig und stellt uns immer wieder vor Herausforderungen. So werden in den Depots alle Objekte gezählt, Werte ermittelt, mit den Einträgen in unserer Objektdatenbank abgeglichen und zusammen geführt. Bei diesem Prozess sind mehrere Kolleginnen und Kollegen beteiligt und es entstehen eine Menge Listen und Tabellen. Mir persönlich fällt die Bewertung nicht immer leicht: als Museumsmensch hat man alle „seine“ Objekte gleichermaßen ins Herz geschlossen und tut sich zuweilen schwer damit, all die besonderen Stücke in verschiedene Wertigkeitskategorien einzuteilen. Ein schöner Nebeneffekt bei diesem Projekt ist jedoch, dass man sich mal wieder ganz intensiv mit der ganzen Fülle der Objekte und Sammlungen, auch jenen in den Depots, beschäftigt und neue Datensätze entstehen, die teilweise in unseren Onlinekatalog ausgespielt werden. Vor allem aber steht man selbst am Ende wieder einmal ganz begeistert vor all diesen Schätzen. Nicht nur im Sinne von „was, ist das alles viel Wert!“, sondern vor allem im Hinblick auf „wow, sind die alle schön!“

Miriam Régerat-Kobitzsch mit Objektwagen im Keramikdepot

Miriam Régerat-Kobitzsch mit Objektwagen im Keramikdepot

Kathleen Schiller, Mitarbeiterin für das Sammlungsbewertungsprojekt

Kathleen Schiller nimmt Maß im Sammlungsbewertungsprojekt

1 Kommentar zu “Wie viel ist das denn Wert?”

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