Von mexikanischen Federn und goldenen Schildkröten: Wissensaustausch zwischen Cambridge und Stuttgart

Einblick in die Präsentation „Kunstkammer der Herzöge von Württemberg“, Foto: LMW, H. Zwietasch

Einblick in die Präsentation „Kunstkammer der Herzöge von Württemberg“, Foto: LMW, H. Zwietasch

Die Kunstkammerforschung bewegt uns weiter

Die Kunstkammer der Herzöge von Württemberg hat uns die letzten Jahre in Atem gehalten. Erst haben wir ihre Neuaufstellung 2016 im 1. OG bei der Eröffnung „Wahre Schätze“ feiern können. Zwei Jahre ist das nun schon her! Dann erschien letztes Jahr unser 6 kg schwerer Katalog, an dem über 50 Kolleginnen und Kollegen mitgearbeitet haben. Dieser interdisziplinäre Austausch war ein bereichernder Erkenntnisgewinn und es geht weiter.

Digitaler Einblick in der Kunstkammer

Innerhalb des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projektes wurde auch das Anfang des 18. Jahrhunderts angefertigte Kunstkammer-Inventar des Antiquars Johann Schuckard transkribiert und ist nun online frei zugänglich. Zugleich bietet der digitale Katalog unserer Homepage nun detaillierte Einblicke in die Sammlung. So können Wissenschaftler der ganzen Welt im Vorfeld nach Objekten suchen, die für ihre Forschungen von Interesse sind.

Besuch aus Cambridge

Das war auch im Juli der Fall: Dr. Stefan Hanß von der Universität Cambridge kam nach Stuttgart, um für seine Veröffentlichungen noch einmal gemeinsam mit mir und Restaurator Moritz Paysan einige Objekte ganz genau zu betrachten.

Hanß ist Mitglied der vom Schweizer Nationalfonds (SNF) geförderten Forschergruppe Materialized Identities, die die identitätsstiftende und emotionale Wirkmacht von Objekten zwischen 1450 und 1750 erforscht. In dieser Forschergruppe nimmt der Stuttgarter Hof eine wichtige Rolle ein: Professor Ulinka Rublack untersucht beispielsweise, wie Federn während Stuttgarter Feierlichkeiten um 1600 aufgeführt und am Hof gesammelt und verarbeitet wurden.

So studierte Stefan Hanß bereits vor zwei Jahren unsere einzigartigen Federschilde, auf die wir besonders stolz sind: weltweit sind nur vier solcher ‚indianischen Federarbeiten‘ erhaltenen – zwei davon sind im Alten Schloss in Stuttgart (bei freiem Eintritt!) zu besichtigen.

Im Zuge der Projektarbeit berichtete Stefan Hanß von seinen Recherchen in Archiven und Museen in ganz Europa zu den Federlieferungen aus Lateinamerika, die Europa vom späten 15. Jahrhundert an erreichten.

Die exotische Farbenpracht dieser Federn aus der Neuen Welt, so Hanß, begeisterte europäische Beobachter.

Diese Begeisterung resultierte zudem in einer erstaunlichen Entwicklung: In ganz Europa haben sich während des 16. Jahrhunderts künstlerisch begabte Handwerkerinnen und Handwerker auf die Verarbeitung von Federn spezialisiert.

Die bisher vollkommen unbekannten Geschichten der Menschen, die sich mit diesem besonderen Material – Federn – beschäftigten, hat Stefan Hanß eingehend erforscht. Seine Forschungen führen uns in die Werkstätten und zu den Handgriffen dieser heute vergessenen Handwerker und Künstler. Gespannt erwarten wir seine Publikation!

Stefan Hanß beim Objektstudium einer Fußschale aus Nephrit mit Mikroskop

Stefan Hanß beim Objektstudium einer Fußschale aus Heliotrop mit Mikroskop, Foto: LMW

Die materielle Kultur des Stuttgarter Hofes: ein Buch entsteht

Eine weitere bahnbrechende Veröffentlichung zum Stuttgarter Hof ist derzeit im Entstehen und war der Grund seines erneuten Besuches bei uns im Landesmuseum Württemberg.

Für die 35-jährige Regentschaft der Herzöge Friedrich I. und Johann Friedrich sind beinahe 9,000(!) Rechnungsbelege im Hauptstaatsarchiv Stuttgart überliefert, die die Ausgaben des Hofes für Objekte und Materialien sämtlicher Art dokumentieren. Stefan Hanß hat all diese handschriftlichen Quittungen in der Zwischenzeit abgeschrieben und gründlich ausgewertet.

Nun werden diese Ausgabenlisten unter dem Titel Court and Material Culture in Early Modern Germany: A Sourcebook on the Duke of Württemberg’s Payments to Artisans, Stuttgart, 1592–1628 mit Amsterdam University Press publiziert.

Das Buch wird sowohl Experten als auch Studierende und Laien faszinieren, da es spannende Objektgeschichten zwischen Archiv und Museum rekonstruiert.

Auch wir sehen dieser Veröffentlichung mit Freude und Spannung entgegen, denn die Forschungen von Stefan Hanß werden neue Einsichten in die Geschichte der Kunstkammerunikate sowie der ganz grundsätzlich am Stuttgarter Hof erhältlichen Objekte und verarbeiteten Materialien liefern.

Woher kamen welche Materialien und welche Handwerkerinnen und Handwerker verarbeiteten sie wie und wo und welche Bezahlung erhielten sie dafür genau?

Die systematisch ausgewerteten Archivalien situieren den Stuttgarter Hof im Zentrum lokaler sowie Regionen übergreifender Handwerkerkulturen, die durch produzierende, reisende und handelnde Akteure genauso wie durch Waren- und Geldströme verflochten waren. Die Rechnungen belegen den hohen Stellenwert, den Produktion und Konsum, Herstellung, Erwerb und die Zurschaustellung von Objekten in der protestantischen Hofgesellschaft besaßen.

Vor allem aber wird die Bedeutung frühneuzeitlichen Handwerks für höfische Identitäten mit all ihren transregionalen Verflechtungen anhand eines geschlossenen Bestandes ersichtlich, der zudem vereinzelt die Identifikation von Gegenständen ermöglicht.

Eine goldene Schildkröte auf Rädern

Eine Schildkröte bestehend aus Panzer und silbervergoldetem Sockel mit beweglichen Kopf und Beinen sowie einer Schnecke auf dem Rücken zählt sicher zu den kuriosesten Gegenständen der Stuttgarter Kunstkammer.

Auch sie haben wir genau untersucht: Tatsächlich handelt es sich um einen Trinkautomaten, der zu fürstlichen Banketten Gäste unterhielt. Auf einem beweglichen Automat platziert, „lief“ die Schildkröte den Tisch entlang. Eine mechanische Vorrichtung ließ den Automaten an der Tischkante stoppen; hier hielt eine in der Zwischenzeit verlorengegangene, auf dem Rücken der Schildkröte angebrachte Figur Anweisungen wie etwa „Trink aus!“ hervor, der die Tafelgäste dann zu folgen hatten.

Eine Gravur datiert den Gegenstand auf 1630, also zwei Jahre nach dem von Stefan Hanß untersuchten Zeitraum. Doch seine Archivforschungen veranschaulichen die Kultur, in welcher der spielerischer Umgang mit solch kostbaren Objekten verankert gewesen ist. Bereits zehn Jahre zuvor hatte „goldtarbeitern“ François Guichard „für 9 güldener schiltkrotten, So er gemacht“, 10 Gulden und 52 Kreuzer erhalten. Leodegar Grimaldo, dem der Schildkröten-„Trinkautomat“ von 1630 traditionell zugeschrieben wird, wusste um solche höfischen Vorlieben, da er selbst seit vielen Jahren als Handwerker am Stuttgarter Hof Erfahrungen gesammelt hatte. Bereits 1604/05 hatte Grimaldo, „Muntzergesellen, von etlichen Pferdtzeugen, von Silbergeschmeidt zu beschlagen“ 21 Gulden und 12 Kreuzer bekommen. Weitere 10 Gulden erhielt er für „etlich[en] Stimpfeln zu den Zollzeich[en] zuuerfertigen“.

Wie gehen wir mit solchen jahrhundertealten Gegenständen um und welche Geschichten lassen sich anhand derer über die Vergangenheit rekonstruieren und am Schnittpunkt zwischen Museum und Archiv sowie im Dialog zwischen Kuratoren, Historikern und Restauratoren erzählen?

Aufschluss bieten insbesondere die Objekte selbst, die Stefan Hanß wie bei diesem Beispiel – einem Trinkgeschirr aus Prag – unter dem Mikroskop untersucht hat:

Nur durch Austausch entsteht Wissen

Dass das Landesmuseum Württemberg einen so zentralen Platz bei der Vermittlung zwischen Ausstellung, Forschung und Lehre, zwischen Objekt- und Textstudien in Museen und Archiven sowie zwischen Cambridge und Stuttgart einnimmt, haben Kuratoren, Restauratoren und Forscher mit großer Dankbarkeit gemeinsam erfahren dürfen. Auf die weiteren Ergebnisse solcher Zusammenarbeiten sind wir bereits jetzt gespannt!

Insbesondere Studierenden wird die innovativ aufgebaute Edition einen spannenden Ausgangspunkt für das Studium von Objektgeschichten frühneuzeitlicher Höfe bieten. Die Studentinnen und Studenten der Universität Manchester, an der Stefan Hanß als Senior Lecturer in Early Modern History im September beginnt, werden bereits vor dem Erscheinen des Buches in den Genuss des Stuttgarter Quellen- und Objektstudiums kommen. Ihre Rückmeldungen werden entscheidend für die weitere Gestaltung des Amsterdam-University-Press-Bandes sein.

Für Neugierige – zum Weiterlesen

Wer mehr über die Stuttgarter Kunstkammer erfahren will, wird hier fündig:

Die Kunstkammer der Herzöge von Württemberg, Bestand, Geschichte, Kontext, 3 Bde., hg. vom Landesmuseum Württemberg, Ulm 2017

Wahre Schätze. Kunstkammer, hg. vom Landesmuseum Württemberg, Ulm 2016

Die Forschungen von Stefan Hanß erscheinen als:

Stefan Hanß: New World Feathers and the Matter of Early Modern Ingenuity. Digital Microscopes, Period Hands, and Period Eyes. In: Ingenuity in the Making: Materials and Technique in Early Modern Europe, hg. v. Alexander Marr, Richard Oosterhoff und José Ramón Marcaida. Pittsburgh: University of Pittsburgh Press, 2019 (im Druck).

Stefan Hanß: Material Encounters. Knotting Cultures in Early Modern Peru and Spain. In: The Historical Journal (im Druck).

Stefan Hanß: Making Feather-Work in Early Modern Europe. In: Materialized Identities: Objects, Affects and Effects in Early Modern Culture, 1450–1750, hg. v. Susanna Burghartz, Lucas Burkart, Christine Göttler und Ulinka Rublack (eingereicht).

Stefan Hanß: Court and Material Culture in Early Modern Germany: A Sourcebook on the Duke of Württemberg’s Payments to Artisans, Stuttgart, 1592–1628 (Amsterdam University Press, 2020).

3 Kommentare zu “Von mexikanischen Federn und goldenen Schildkröten: Wissensaustausch zwischen Cambridge und Stuttgart”

    1. Auch von mir ein großes Dankeschön an Frank Lang! Die Arbeit mit den Stuttgarter Kolleginnen und Kollegen sowie Objekt- und Archivbeständen ist wirklich großartig! Stefan

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