„Württembergische Volkslieder“ bald digital

Schon lange vor Stuttgart 21 machten die Schwaben mit ihrer Eisenbahn von sich reden. Eines der wohl bekanntesten Volkslieder aus Württemberg ist das Lied von der Schwäb’schen Eisenbahn. Jeder hat es sicher schon einmal gesungen – sogar Äffle und Pferdle!

Für die Vertonung durch Äffle und Pferdle kann man hier ein Video anschauen.

„Auf de schwäbschen Eisenbahne“ wurde von dem Wissenschaftler und Volksliedsammler Erich Seemann (1888-1966) im Jahr 1919 in Stuttgart aufgezeichnet und in seine Volksliedsammlung aufgenommen. Von 1953 bis zu seinem Ruhestand war Seemann Leiter des Deutschen Volksliedarchives in Freiburg.

In Kooperation mit dem Deutschen Volksliedarchiv hat die Landesstelle für Volkskunde in Stuttgart das „Württembergische Volksliedarchiv“  zusammengestellt. Es enthält ca. 22.000 Liedbelege, die zum immateriellen Erbe und Kulturgut des Landes gehören. Sie werden im Moment digital gesichert und für die Publikation vorbereitet.

Herausforderungen: Konzentration und Genauigkeit

Angesichts der großen Anzahl ist die systematische Lied-Erfassung eine herausfordernde Aufgabe, die vor allem vor allem Konzentration und Genauigkeit verlangt : Zunächst reichern wir die zuvor gescannten Liedbelege in der Objektdatenbank mit Metadaten, d.h. mit Informationen zur Herkunft, an. Dazu gehören Angaben zu Sammlern, der Entstehungszeit bzw. die Zeit sowie der Ort, in der/ an dem das jeweilige Volkslied gesungen wurde. Außerdem übernehmen wir jeweils Liedtitel und den -anfang und verknüpfen darin enthaltene markante Begriffe mit einem Schlagwort-Katalog. So entstehen thematische Zugriffsmöglichkeiten auf die u.a. in verschiedenen Dialekten Württembergs verfassten Liedtexte, die spätere Recherchen innerhalb des umfangreichen Archivbestands erleichtern.

Spannung und Spaß?!

Auf den ersten Blick erscheint diese Erfassungsarbeit vor allem repetativ und nur mäßig spannend. Doch dem ist nicht so. Um die Daten und Schlagwörter der Lieder zu erheben, müssen wir die Liedtexte und weitere Informationen für jedes Blatt einzeln identifizieren. Das ist manchmal gar nicht so einfach, da sie zum Teil handschriftlich verfasst sind. Nicht nur die Schreibschrift stellt uns hierbei vor Herausforderungen, sondern auch Wörter, die in Mundart festgehalten und heute nicht mehr allzu geläufig sind. In vielen Fällen hilft es, die Wörter auszusprechen, weil wir sie eher vom Hören kennen als in der geschriebenen Form. Hierbei können auch Worte vorkommen, die nicht abzuleiten sind, wie zum Beispiel ein „Eierhaber“:

Schwäbisches Volkslied (1911) Sammlung Landesstelle für Volkskunde

Schwäbisches Volkslied (1911), Sammlung Landesstelle für Volkskunde

Bei dem sogenannten „G´schmorgele“ bzw. „Eierhaber“ handelt es sich um ein Gericht wie Kaiserschmarren. Bei manchen Inhalten ist es hilfreich, den Text gedanklich im Dialekt nachzusprechen oder gegebenenfalls auch laut vor sich her zu sagen:

Schwäbisches Volkslied (1927) Sammlung Landesstelle für Volkskunde

Schwäbisches Volkslied (1927), Sammlung Landesstelle für Volkskunde

Ausschnitt von einem handschriftlich verfassten schwäbischen Volkslied (1926) Sammlung Landesstelle für Volkskunde

Ausschnitt von einem handschriftlich verfassten schwäbischen Volkslied (1926), Sammlung Landesstelle für Volkskunde

Inhaltlich sind die Texte breit gefächert und reichen von einfachen Kinderreimen bis hin zu Liedern, die Geschichten erzählen. Manche handeln von einem „Schatz/Schätzle“, was neugierig darauf macht, um wen oder wessen Schatz es sich wohl handelt. Dazu gibt es auch noch lustige Liedblätter, bei denen nur eine Melodie mit Noten festgehalten wurde, und hier kann die erste Zeile auch einfach „trala lia lo, tra la lia lo, tra la….“ lauten.

Hin und wieder stoßen wir auf bekannte Lieder wie „Schlaf, Kindlein, schlaf“ oder „Häslein in der Grube“, die schöne Kindheitserinnerungen wecken. Als Historikerinnen freuen wir uns auch über Bezüge zu historischen Ereignissen ­– etwa zum Dreißigjährigen Krieg oder dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71.

Amüsant wird es zuweilen bei Texten mit recht derbem Humor, die unwillkürlich ein Schmunzeln hervorrufen. So beispielsweise: „Wer Witfraue heuret / Und Kuttelfleck frisst, / Der derf net dra denka / Was drinna g‘ steckt ist.“ Bei der Sammlung von Erich Seemann wird bei der Aufzeichnung vermerkt: „Lied noch lebendig“. Dieser etwas kryptische Hinweis bedeutet, dass das Lied während der Aufzeichnung noch gesungen wurde.

Spinnerinnen-Lied

Dazu gibt es bei den Volksliedern viele Themen aus dem Handwerk, die bei der Arbeit gesungen wurden.

Volkslied (ca. 1800) Sammlung Landesstelle für Volkskunde

Volkslied (ca. 1800), Sammlung Landesstelle für Volkskunde

Ein Ausblick

Für etwas Abwechslung jenseits aller Liedtext sorgt immer wieder der Schillerplatz, auf den wir aus unserem Bürofenster blicken können. Dabei haben wir auch die Gelegenheit, das bunte Treiben etwa auf dem Wochenmarkt zu beobachten. Auch ein früher Arbeitsbeginn wird mit einem tollen Blick auf das Alte Schloss mit dahinterliegendem Sonnenaufgang belohnt. Das hierzu passende Lied taucht vielleicht auch noch in dem Bestand auf … 😉

Ausblick von der Landesstelle für Volkskunde auf das Alte Schloss (2018)

Ob uns die Arbeit mit den Volksliedern Spaß macht? Ja, denn sie ist lohnenswert. Ende 2019 stehen alle 22.000 Liedbelege online zur Verfügung. Dann sind sie über die Webseite des Landesmuseums sowie Portale wie „LEO-BW“ recherchierbar. Zumal ist es die Gelegenheit, sich mal wieder mit Volksliedern zu befassen oder sie gar zu singen! „Auf de schwäbschen Eisenbahne“ weckt bei uns schon jetzt Kindheitserinnerungen.

Wie sieht es bei Euch aus? Singt Ihr noch Volkslieder? Wenn ja, welche und zu welchen Gelegenheiten?

1 Kommentar zu “„Württembergische Volkslieder“ bald digital”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.