Ein selbstgebauter Zirkus und was er über Familien und Beziehungen erzählen kann
Die Volontär*innen-Ausstellung „Guck mal! Depotlieblinge“ stellt Lieblingsobjekte von Museumsmitarbeitenden vor. Aus der Abteilung Populär- und Alltagskultur wurde ein Spielensemble ausgewählt, das aus einem Zirkus mit Zubehör besteht. Dabei handelt es sich um den „Depotliebling“ von Raffaela Sulzner, Kuratorin und Sammlungsleiterin für das Museum der Alltagskultur.
Was genau ist hier zu sehen?

Abb. 1: Das Kassenhäuschen und die dazugehörigen Figuren
Die Gucklochvitrine zeigt das Kassenhäuschen und die „Zirkusfamilie“ aus dem Spielensemble. Es umfasst außerdem einen Zirkuswohnwagen, einen Tierschauwagen, einen Elefanten und viel kleinteiliges Zubehör. Erbauer des Konvoluts ist der Künstler Nikolaus Plump, der Ende der 1950er Jahre mit der Anfertigung begann. Der Zirkus trägt den Namen seiner Tochter Cordula.
Die Figuren wurden von Plumps Mutter Louise gefertigt, die Puppenspielerin war. Ihre Puppenspiele waren derart beliebt, dass sie zeitweise mit eigenem Puppentheater auftrat.
Was heute wie ein abgeschlossenes Spielzeugensemble erscheint, entstand allerdings nicht auf einmal, sondern hat eine etwas längere Geschichte. Über mehrere Jahre kamen immer wieder neue Teile hinzu.
Welche Geschichte steckt dahinter?

Abb. 2: Nikolaus Plump bei der Arbeit.
Nikolaus Plump wurde 1923 in Berlin geboren und war Illustrator, Maler und Gestalter. Zu seinen bekanntesten Illustrationen gehören Umschlaggestaltungen der „Fünf Freunde“-Bücher von Enid Blyton.
Er schenkte seiner Tochter Cordula den Zirkus Ende der 1950er- beziehungsweise Anfang der 1960er-Jahre zu Weihnachten. Nach den Feiertagen ging der Zirkuswagen „auf Reisen“ – Cordula konnte nicht mit ihm spielen und er stand in der Wohnung ihrer Großeltern. Während dieser vermeintlichen Tournee erhielt Cordula Briefe mit Nachrichten über die Abenteuer und Stationen ihres Zirkus. Geschrieben wurden sie in Wirklichkeit von ihrem Vater Nikolaus und ihrer Großmutter Louise. Einige Geschichten rund um den Zirkus erschienen sogar im Jahrbuch für Mädchen, Band 77.

Abb. 3: Geschichten des Zirkus erschienen auch im „Jahrbuch für Mädchen“.
Jedes Jahr an Weihnachten kehrte der Zirkus zu Cordula zurück. Dabei enthielt er meist ein neues Element und Cordula durfte mit ihm spielen. Das Kassenhäuschen, das in der Gucklochvitrine zu sehen ist, kam 1960 dazu. Auch in den Details steckt ein Stück Familienalltag: Die kleinen Möbel im Zirkuswagen sind Miniaturen von Möbeln, die tatsächlich in der Wohnung der Familie Plump standen. So wuchs das Ensemble über die Jahre hinweg immer weiter.
Irgendwann war Cordula klar, dass der Zirkuswagen nicht wirklich auf Reisen ging, sondern ein Großteil des Jahres im Wohnzimmer ihrer Großeltern stand. Cordulas Sohn Pascal erinnert sich daran, dass der Zirkuswagen einmal kaputt ging: Cordula hatte sich daraufgesetzt – der Wagen musste repariert werden.
Nach dem Tod von Nikolaus Plump im Jahr 1980 blieb der Zirkus zunächst im Besitz der Familie. 1993 bot seine Witwe das Ensemble dem Landesmuseum Württemberg an. Der Zirkus sollte ein neues Zuhause finden, dabei aber in gute Hände gelangen. So kam er in die Sammlung des Museums.
Warum ist es ein Depotliebling?
Für Raffaela Sulzner, Kuratorin in der Abteilung Populär- und Alltagskultur, liegt die besondere Bedeutung darin, dass der Zirkuswagen weit mehr bewahrt als nur die Erinnerung an ein Kinderspielzeug.
„Ich finde das umfangreiche Spielensemble beeindruckend und bedeutsam zugleich. Es prägte nicht nur die Kindheit von Cordula. Von der Produktion bis hin zu den aufbewahrten und geteilten Erinnerungen lässt sich über das Zirkuswagen-Ensemble eine illustre Familienbiografie über vier Generationen erzählen.“
Der Zirkus wurde in der Tat im Laufe der Zeit zu einem Familienprojekt – er verband die Familienmitglieder miteinander, besonders Louise, Nikolaus und Cordula. Nikolaus und Louise Plump fertigten alles in langwieriger Handarbeit an, Cordula spielte damit und bewahrte ihre Erinnerungen daran. Seine besondere Bedeutung bekam der Zirkuswagen auch im Nachhinein, als Cordula erwachsen war und das Ausmaß des Spielensembles und seine Bedeutung besser verstehen konnte. Später erzählte ihr Sohn dem Museum die Geschichten weiter, die mit dem Zirkus verbunden sind.
Zuletzt war das Ensemble in der Ausstellung „WE ARE FAMILY“ im Museum der Alltagskultur Schloss Waldenbuch zu sehen. Cordula konnte das Spielzeug ihrer Kindheit wiedersehen. Ihr Sohn erinnert sich, dass ihre Augen beim Anblick des Wagens im Museum geleuchtet hätten. Das Museum steht bis heute in Kontakt mit den Nachkommen der Familie. Damit endet die Geschichte des Zirkus nicht mit seinem Einzug ins Museumsdepot, sondern sie wird weitergetragen.

Abb. 4: Das gesamte Spielensemble
Was ist der Bezug zu heute?
Warum ist ein selbstgebautes Spielzeug ein Museumsobjekt? Beim Zirkus geht es nicht nur um die aufwendige Gestaltung des Ensembles. Besonders interessant sind die mit ihm verbundenen Beziehungen und Erinnerungen. Nikolaus und Louise Plump nutzten ihre beruflichen Fähigkeiten als Gestalter beziehungsweise Puppenspielerin für ein ganz persönliches Projekt.
Nach einem Zeitungsartikel von 1960 wollte Nikolaus Plump seiner Tochter bewusst etwas Besonderes, nicht-kommerziell Hergestelltes schenken. Statt einer klassischen Puppenstube entstand deshalb eine eigene kleine Zirkuswelt. Plump kreierte einen fantasievollen, zauberhaften Ort – und mit jedem weiteren Teil wuchs nicht nur das Ensemble, sondern auch die Geschichte darum. Aus dem Weihnachtsgeschenk wurde ein Familienprojekt von Großmutter, Vater und Tochter. Und schließlich ein Erinnerungsstück für weitere Generationen.
Gerade darin liegt heute seine besondere Aussagekraft. Alltagsgegenstände erzählen nicht nur davon, wie Menschen zu einer bestimmten Zeit gelebt oder gespielt haben. An ihnen können auch persönliche Erinnerungen, Beziehungen und Familiengeschichten hängen. Was für Außenstehende zunächst nur ein Spielzeug ist, kann für eine Familie einen ganz anderen Wert besitzen.
Im Museum wird deshalb nicht nur der Zirkus selbst bewahrt. Mit ihm bleiben auch die Geschichten erhalten, die Menschen über mehrere Generationen mit ihm verbunden haben.
Ein zweiter Blick auf das Kassenhäuschen und die Zirkusfamilie lohnt sich also, um die Bedeutung von alltäglichen Gegenständen zu verstehen. Ab dem 15. September 2026 sind sie in der Ausstellung „Guck mal! Depotlieblinge“ im Foyer des 2. Obergeschosses des Landesmuseums zu sehen.
Literatur- und Quellenverzeichnis
- Gespräch zwischen Raffaela Sulzner, Antonia Schnell und Pascal Hauser vom Februar 2025, Landesmuseum Württemberg (InC).
- Christa Braune, Hochbetrieb beim Weihnachtsmann, Stuttgarter Nachrichten vom 03.12.1960.
Abbildungsnachweise und Nutzungsbedingungen
Beitragsbild: Landesmuseum Württemberg, Carolin Kunzi (CC BY 4.0).
Abb. 1: Kassenhäuschen und Familie (Detailaufnahme), Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt (CC BY 4.0).
Abb. 2: Fotoalbum, Landesmuseum Württemberg (InC).
Abb. 3: Gisela Krachten (Hg.), Ein Jahrbuch für Mädchen. Wir Mädchen, Bd. 77, Union Verlag (Stuttgart 1959).
Abb. 4: Spielensemble mit Zirkuswagen und Familie, 1950er-Jahre, Holz, Textil, Metall, Kunststoff, Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt / Alexander Lohmann (CC BY 4.0), VK 1993/434-1 bis 7.
