Wie entsteht eigentlich eine Ausstellung? Von der ersten Idee über Workshops und Entwürfe bis zum Prototyp – bevor Besucher*innen die erste Vitrine sehen, passiert eine ganze Menge. Die wissenschaftlichen Volontär*innen des Landesmuseums Württemberg haben diesen Prozess erstmals selbst gestaltet. Das Ergebnis ist „Guck mal!“, ein neues Ausstellungsformat, das am 15. September 2026 im Alten Schloss eröffnet und Besuchende dazu einlädt, Museumsobjekte aus ungewohnten Perspektiven zu entdecken.

Abb. 1: Im Treppenbau der ABK Stuttgart: Die Volontärinnen des LMW gemeinsam mit den Gestaltern der „Gucklochvitrine“
Von der Idee zum Entwurf
Während ihres zweijährigen Volontariats arbeiten die wissenschaftlichen Volontär*innen in unterschiedlichen Bereichen des Museums – von Archäologie über Kunst- und Kulturgeschichte bis hin zur Populär- und Alltagskultur, Restaurierung sowie Drittmittel, Gremien und Veranstaltungen. Sie begleiten Ausstellungen, Veranstaltungen und Projekte und lernen die vielfältigen Aufgaben eines Museums aus nächster Nähe kennen. Mit „Guck mal!“ gehen sie nun einen Schritt weiter: Erstmals entwickelten sie ein eigenes Ausstellungsformat und setzten es gemeinsam um. Dabei bündelten sie ihre unterschiedlichen fachlichen Hintergründe zu einem gemeinsamen Konzept, das bewusst mit Sehgewohnheiten im Museum bricht.
Am Anfang stand die Frage, wie sich Museumsobjekte so präsentieren lassen, dass sie Aufmerksamkeit wecken und gleichzeitig Raum für eigene Entdeckungen lassen. Gesucht war kein klassisches Ausstellungsmöbel, sondern eine Gestaltung, die Besucher*innen aktiv werden lässt und den Blick auf das einzelne Objekt in den Mittelpunkt rückt.
Für die Umsetzung holten sich die Volontär*innen Unterstützung von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (ABK). Gemeinsam mit Studierenden der Architektur und des Industrial Designs aus der Klasse „Grundlagen Design und Prototyping“ von Professorin Anne Bergner entstanden nach gemeinsamen Museumsbesuchen und intensiven Gesprächen insgesamt 14 Entwürfe für Ausstellungsmobiliar und Raumkonzepte.
Drei Konzepte schafften es in die engere Auswahl. Sie wurden gemeinsam mit Kolleg*innen des Museums diskutiert und weiterentwickelt. Die Entscheidung fiel auf den Entwurf der „Gucklochvitrine“ von Tim Fürtig und Jeong-Hoon Han.

Abb. 2: Prototyp der „Gucklochvitrine“
Neugier wecken, Perspektiven wechseln
Das Prinzip ist einfach und spielt bewusst mit der Neugier: Das ausgestellte Objekt bleibt zunächst fast vollständig verborgen und wird erst durch runde Öffnungen in der Ummantelung sichtbar. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man hineinschaut, offenbaren sich andere Details. Wer das Objekt entdecken möchte, muss näher herantreten, die Perspektive wechseln und sich Zeit nehmen – genau das ist die Idee hinter „Guck mal!“.
„Im Museumsalltag beobachten wir immer wieder, sowohl bei Besucher*innen als auch bei uns selbst, dass die Fülle der ausgestellten Objekte schnell überfordern kann und dazu führt, dass vieles kaum Beachtung findet. Stellt man ein Objekt in einer nahezu vollständig verhüllenden Vitrine aus, wird auf dieses Verhalten reagiert. Aus der entzogenen Zugänglichkeit entwickelt sich Interesse.“ – Tim Fürtig, Gestalter und Student ABK

Abb. 3: Gestalter Jeong-Hoon Han und Tim Fürtig bei ihren Planungen
Bis aus dem Entwurf eine einsatzbereite Museumsvitrine wurde, war allerdings noch einiges zu tun. Gemeinsam mit den Fachabteilungen des Landesmuseums passten die Volontär*innen den Entwurf an die konservatorischen und technischen Anforderungen an. So entstand aus einer Designidee ein Ausstellungselement, das gestalterischen Anspruch und museale Praxis miteinander verbindet.
„Besonders spannend war es für uns, an einem konkret umsetzbaren Projekt zu arbeiten. Auch fand ich die Einblicke in die Perspektiven der Volontärinnen sehr bereichernd.“ – Jeong-Hoon Han, Gestalter und Student ABK

Abb. 4: Tim Fürtig und Jeong-Hoon Han bei der Herstellung des Prototyps
Ein Projekt, das weiterwächst
Entstanden sind drei Vitrinen, die künftig im Eingangsbereich des zweiten Obergeschosses im Alten Schloss stehen, immer mit wechselnden Ausstellungen. Den Anfang macht ab dem 15. September 2026 die Ausstellung der aktuellen Volontär*innen zum Thema „Depotlieblinge“. Dabei soll es jedoch nicht bleiben: „Guck mal!“ ist als dauerhaftes Format angelegt. Künftige Volontär*innen werden die Vitrinen mit neuen Themen und Objekten bespielen und immer wieder neue Perspektiven auf die Sammlungen des Landesmuseums eröffnen. So entsteht ein sich stetig wandelnder Ausstellungsraum, der nicht nur den Besucher*innen immer wieder neue Einblicke bietet, sondern auch dem Museumsnachwuchs die Möglichkeit gibt, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen.
Möglich wird das Projekt durch die Unterstützung der Gesellschaft zur Förderung des Landesmuseums Württemberg e. V., die den Auftakt von „Guck mal!“ ermöglicht hat. Unser herzlicher Dank gilt außerdem den vielen Kolleg*innen des Landesmuseums Württemberg, die das Projekt mit ihrem Fachwissen, ihren Ideen und ihrer Unterstützung begleitet haben.
Abbildungsnachweise und Nutzungsbedingungen
Beitragsbild: Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt / Mark Damian (InC).
Abb. 1–4: Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt / Mark Damian (InC).
