Ein göttliches Pärchen schwebt ins Alte Schloss

So manche Augenzeug*innen mögen sich gewundert haben, was ein Kranwagen diese Woche zur Arkade im Innenhof des Alten Schlosses schweben ließ. Es handelte sich um den antiken Göttervater Jupiter persönlich, mit der von ihm umgarnten Königstochter Antiope im Arm.

Das Oberhaupt der olympischen Götter, das durch seine zahlreichen Affären von sich reden machte, ist bei der aus London angelieferten Marmorskulptur in einer heiklen Situation wiedergegeben. In Gestalt eines bocksbeinigen Satyrs, eines dämonischen Mischwesens, nähert er sich der arglos im Wald schlafenden Prinzessin, die gerade erst die Augen geöffnet hat. Die Tochter des Königs von Theben hatte sich zuvor wohl dem Spiel auf der Panflöte hingegeben, was Jupiters Aufmerksamkeit erweckt haben könnte. Das Instrument liegt noch in ihrer Hand. Der Göttervater selbst wird hier erkennbar durch den begleitenden Adler, sein Attribut. Die Marmorgruppe des italienischen Bildhauers Francesco Pozzi betont gekonnt den Kontrast zwischen dem wilden, ungezügelten Wesen des Satyrs und der reinen Unschuld der überraschten Prinzessin entsprechend der antiken Sage.

Skulptur ‚Jupiter und Antiope‘ von Francesco Pozzi auf der Westarkade des Alten Schlosses

Prachtvolle Leihgabe

Doch was hat es mit dieser Skulptur aus weißem Carrara-Marmor auf sich, die so unverhofft aus unserem Renaissancehof emporschwebte“? Die Stadt Stuttgart bat das Landesmuseum Württemberg im vergangenen Jahr, ob eine zeitweilige, publikumswirksame Aufstellung der Figurengruppe im Alten Schloss möglich wäre, bis der eigentliche Bestimmungsort fertiggestellt sein wird: die Villa Berg, die derzeit samt der umgebenden Parkanlage saniert und wiederhergestellt wird. Jahrzehntelang wurde das im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstörte Gebäude auf dem markanten Hügel in Stuttgart-Berg vom Südwestrundfunk genutzt. Damals gab es keine Verwendung für die Skulptur, die daher verkauft wurde. Aus dem Londoner Kunsthandel konnte die Stadt das für die Außenwirkung des Baudenkmals zentrale Schmuckstück erst vor wenigen Monaten zurück erwerben.

Figurengruppe ‚Jupiter und Antiope‘ in der Westgrotte der Villa Berg, um 1928, via Wikimedia

Künftig (ab etwa 2026) soll sie die ankommenden Besucher*innen wieder in der zentralen Nische des westlichen Sockelgeschosses der Villa Berg begrüßen, wo sie einst aufgestellt war. Vielleicht hatte sie ursprünglich sogar programmatischen Charakter: Prinzessin Olga (1822–1892), die 1846 die Einrichtung der von ihrem frisch angetrauten Gemahl, Kronprinz Karl, begonnenen Villa stark beeinflusste, könnte sich selbst in Antiope wiedererkannt haben, da sie, die Zarentochter, von einem (künftigen) Herrscher erwählt worden war.

Ansicht der Villa Berg im Skizzenbuch von Karl Christian Schmidt, 1868−73

Erinnerungen an Königin Olga

Das Landesmuseum hat sich über die Anfrage der Stadt gefreut, da die Marmorgruppe nun zeitweilig die Werke ergänzt, die an das Wirken der Kronprinzessin und Königin Olga in Stuttgart erinnern. In unserer Schausammlung ist – außerhalb von pandemiebedingten Schließungen – neben anderen Kostbarkeiten ihr berühmtes Porträt von Franz Xaver Winterhalter zu bewundern, und in der Gruft der Schlosskirche kann man die Grabmäler des Königspaars Olga und Karl besichtigen, ergänzt durch eine kürzlich neu gestaltete Präsentation im Vorraum. Im Landesmuseum findet für gewöhnlich in Kooperation mit der russisch-orthodoxen Kirchengemeinde Stuttgart auch jährlich der Olgatag statt.

Sehnsucht nach Italien

Was heute, gerade nach dem finsteren Corona-Winter, jeder gut nachvollziehen kann, ist die Vorliebe für Italien, die Adel und Bürgertum gerade im 19. Jahrhundert über die Alpen zog. Für die klassische Bildung waren die italienischen Kunststätten wie Rom, Florenz und Venedig Orte, die man gesehen haben musste, wenn man zur besseren Gesellschaft gehören wollte. Und so ist es kein Zufall, dass die Zarentochter Olga mit ihrer Mutter 1846 in Palermo auf Sizilien weilte, als ihr der württembergische Kronprinz auf der Suche nach einer Partnerin dort seine Aufwartung machte. Man gefiel sich und so kam es zur Verlobung.

Franz Seraph Stirnbrand, Königin Olga vor der Berger Kirche, 1863

Schon wenige Monate später traf sich das frisch gebackene Paar in Florenz wieder und besichtigte die dortigen Kunstschätze. Ob die Skulptur von Pozzi den beiden damals bereits bekannt wurde, ist nicht überliefert. Jedenfalls passte sie zum Stil der italienischen Neorenaissance der Villa Berg, ein Projekt, das nach der Hochzeit Karls mit Olga durch die reiche russische Mitgift erst richtig Fahrt aufnehmen konnte. Die mit der Planung betrauten Mitarbeiter der königlichen Familie wurden regelmäßig nach Italien und Paris geschickt, um Einrichtungsgegenstände zu erwerben.

Bis 1844 befand sich die großformatige Figurengruppe „Jupiter und Antiope“ nachweislich noch in Florenz. Der Bildhauer Francesco Pozzi (1779–1844) war dort Professor an der Akademie der Schönen Künste. Ausgebildet in der Epoche des Klassizismus in Rom beim berühmten Antonio Canova, war er in seine Heimatstadt Florenz zurückgekehrt und hatte die Skulptur dort bereits 1828 geschaffen. Bis zu seinem Tod behielt er sie in seinem Atelier. Sie gilt als eines seiner Hauptwerke.

 

 

Das Landesmuseum Württemberg freut sich, dieses mit der Zarentochter verbundene Kunstwerk für einige Jahre beherbergen und der Öffentlichkeit zugänglich machen zu dürfen.

Es ist ab sofort während der Öffnungszeiten im Alten Schloss unter den Arkaden im Ersten Stock des Renaissancehofes zu bewundern – Einfach der Wegeführung zum Uhrengewölbe folgen!

5 Kommentare zu “Ein göttliches Pärchen schwebt ins Alte Schloss”

  1. Hatte diese Vereinigung (Me Too?) Folgen? Selbstverständlich, denn sonst wäre vielleicht das Geschlecht der thebanischen Könige ausgestorben!
    Antiope gebar – nachdem sie dem Zorn ihres nicht begeisterten Vaters entflohen war – sogar Zwillinge: Amphion und Tethos. Deren Geschichte wird u.a. von Eckart Peterich erzählt (Götter und Helden, Artemis & Winkler-Verlag)

  2. A propos Me Too und Vergewaltigung (siehe kritische Leserbriefe in der Stuttgarter Zeitung vom 18. Juni 2021)
    Antiope rühmte sich, von Zeus auserwählt worden zu sein. Dies wird von Homer in der Odyssee beschrieben:

    “Drauf die Antiope sah ich, die reizende Tochter Asopos,
    Die auch in Zeus’ Umarmung geruht zu haben sich rühmte;
    Und sie gebar zween Söhne dem Gott, Amphion und Zethes;
    Welche zuerst aufbauten die siebenthorige Thebe,
    Und zur Vest umthürmten; denn nicht unbefestiget konnten
    Sie die geräumige Thebe vertheidigen, stark an Gewalt zwar.”

    J. H. Voß, Homer’s Odyssee, Elfter Gesang, Cotta, 1847.

    1. Lieber Baldur Föhlisch,
      sollte man so weit gehen, Jupiter wegen seiner zahlreichen Übergriffe und Vergehen aus dem Götterhimmel zu verbannen? Da gäbe es einiges zu zensieren in der Kunstgeschichte. Es bleibt uns m.E. nichts anderes übrig, als uns unserer Kulturgeschichte zu stellen, auch wenn wir heute die verbreiteten Denkweisen vergangener Jahrhunderte (oder auch Jahrzehnte) nicht mehr teilen. Vielleicht findet die Stadt Stuttgart eine Möglichkeit, das Thema der Skulptur am künftigen endgültigen Standort kritisch zu reflektieren?
      Olaf Siart

      1. Lieber Olaf Siart,
        damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich plädiere nicht für “Verbannen”, im Gegenteil. Mein Kommentar bezog sich auf Leserbriefe in der Stuttgarter Zeitung. Da war von Vergewaltigung und Me Too die Rede. Ich bin sehr damit einverstanden, dass wir uns unserer Kulturgeschichte stellen.
        Zum endgültigen Standort: Ich befürchte, dass die schöne Marmorskulptur am vorgesehenen Standort rasch verunstaltet wird. Daher sollte dort eine Kopie aufgestellt werden. Das teure Original sollte in einem Museum gezeigt werden, eigentlich im vernachlässigten Lapidarium(?) oder im Landesmuseum.

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