Vom Wandel des Konsums: Ein Gespräch mit Annelore Leitz

In den 1950ern eröffneten Annelore Leitz und ihr Mann ein Kaufhaus im Zentrum der schwäbischen Kleinstadt Knittlingen. In den Nachkriegsjahren boomte der Verkauf. Mittlerweile hat sich das Konsumverhalten geändert: Große Einkaufshäuser, Shopping-Malls und Online-Handel haben kleine Läden verdrängt. Im Gespräch mit Michaela Krimmer, der Kuratorin des Pop-Up-Museums Knittlingen, erzählt Annelore Leitz von den Anfängen des Kaufhauses und ihren persönlichen damaligen Lieblingswaren.

Die Anfänge des Kaufhauses

Annelore Leitz vor dem Kaufhaus.

Wie kam es dazu, dass Sie ein Kaufhaus in Knittlingen eröffnet haben?
Mit knapp 17 Jahren habe ich einen jungen Mann kennengelernt. Mit der Schulklasse gingen wir zu einer Ausstellung von Bürobedarfshändlern. Dort stand hinter der Theke ein junger Mann, den ich über Füllhalter ausgefragt habe.
Und er wollte mich nachher einfach wiedersehen. Er hatte keine Ahnung, wie ich heiße, nur, dass ich aus Knittlingen bin. Er ist mit dem Fahrrad wochenlang in Knittlingen herumgefahren, um mich wiederzufinden. Bei einer Stadtfeier hat er sich ganz plötzlich neben mich gesetzt – da hatte er mich wieder. Das war der Anfang. Mit der Zeit wurde es mehr, sodass er auch zu uns heimgekommen ist. Er hat zu meinem Vater gesagt, also zu seinem zukünftigen Schwiegervater: „Wenn ich nur einen Raum hätte!“. Denn er war Buchbinder.

1956 haben wir geheiratet. 1955 hatte mein Vater schon ein Haus reserviert für uns, in dem wir das Geschäft meines Mannes eröffnen wollten. Und Anfang 1956 haben wir dann ein Gewerbe angemeldet. Anfangs haben wir nur zwei Stunden abends von einem Zimmer aus verkauft.

Was haben Sie anfangs verkauft?
Schulhefte, Schreibbedarf, Papierkram. Wir waren sehr gut sortiert. Und auch Zeitschriften. Damals hat man noch die „Bild-Zeitung“ und die „Hörzu“ auf der Post holen müssen. Und wir hatten auch ein paar Bücher im Angebot, damit die Frauen ein christliches Buch lesen konnten. Wir hatten auch große Tintenfässer. Die Leute hatten früher Füllhalter und haben sie bei uns nachfüllen lassen.

Und irgendwann wurde das Geschäft größer?
Am Anfang war der Verkaufsraum nicht groß. Aber damals war man ja anspruchslos. Jeden Abend hatten wir vielleicht zehn Kunden. Sie kamen zu uns und sagten: „Herr Leitz, warum haben Sie das nicht? Warum haben Sie jenes nicht?“.

Knitlingen in den 1970er Jahren

Nach zwei oder drei Jahren haben wir dieses alte Häuschen gekauft, wo wir jetzt sind. Und dann hatten wir plötzlich Handtaschen, Koffer und Rucksäcke. Ich glaube, wir haben damals 1000 Taschen auf einmal gekauft. Und es ist einfach immer mehr geworden: Dann kamen Geldbeutel und Lederwaren dazu. Wir hatten auch immer mehr Bücher.

Wann hatten Sie am meisten Betrieb?
In den 1970-er und 1980er Jahren ging das Geschäft sehr gut. Da haben wir sogar eine Frau halbtags beschäftigen müssen: Frau Walter. Ursprünglich wollte sie Lehrerin werden, sie kam als Flüchtling 1946 zu uns nach Knittlingen. Ich weiß nicht, woher sie genau kam. Dann haben wir auch mit Textil angefangen. Wir hatten Tausendsassa-Kinderunterwäsche von Schiesser und Miederware vom Triumph. Wir hatten eine Umkleidekabine, das war ein Vorteil. Und wir hatten zu allem Ersatzteile. Ob „Federle“ für den Füllhalter oder wenn ein Deckel kaputt war: Wir hatten Ersatzteile für alles. Wir hatten auch Rollschuhe und Ski.

Eine Knittlinger Institution

War das Geschäft auch ein Treffpunkt für die Knittlingerinnen und Knittlinger?
Ja, die Leute sind immer zum Leitz gekommen, wenn sie was wissen wollten – oder wenn sie was gebraucht haben. Mein Mann war Mensch für alles. Die Leute haben eine Kleinigkeit gekauft, aber sie konnten sich auch gleich eine Auskunft holen.

Gab es Waren, die sie besonders gernhatten?
Wir hatten Puppen, Spielwaren, Modelleisenbahnen von Märklin, auch Faller und Revell. Falls Ihnen das ein Begriff ist. Ich selbst bin aber eine „Basteltante“. Ich habe mich um den Bastelsektor gekümmert. Ich habe auch Kurse angeboten: Seidenmalerei, Makramee, Bauernmalerei. Das waren meine Steckenpferde.

Frau Leitz war bekannt als „Basteltante“. Sie leitete Kurse in Ihrem Kaufhaus und bildete sich auch selbst fort, wie hier in den 1980er Jahren.

Sind Sie in Urlaub gefahren?
Das Wort Urlaub gab es bei uns nur am Rande. Wir waren einmal über Pfingsten fort, übers Wochenende. Wir haben gezeltet. Meinen Sie etwa wir haben einen Urlaub gebucht oder ein Hotel?
Wir waren in Bayern, wir waren in Italien, wir waren in Spanien. Wir sind mit dem Auto gefahren und wenn da stand „Zimmer zu vermieten“, dann haben wir dort geschlafen. Und dann sind wir weiter, wir wollten ja was sehen. Oder wir haben gezeltet. Aber das waren auch nur ein paar Tage.

Ende einer Ära

Wann haben Sie das Geschäft geschlossen?
Im Jahr 2000 war ich knapp 65 Jahre alt. Ab da habe ich nicht mehr so viel gemacht. Wir hatten immer noch den Warenbestand, den wir nur noch langsam verkaufen konnten. Und mit der Zeit waren auch die Schränke voll bei den Leuten. Nach dem Krieg war ein riesiger Nachholbedarf. Das haben wir in unserem Kaufhaus gespürt. Mein Mann ist 2014 mit 84 Jahren gestorben. 2017 habe ich ganz zugemacht.

Wollten Ihre Söhne das Geschäft weiterführen?
Nein, noch nie. Wir haben den Kindern nie vorgeschrieben, was sie werden müssen. Sie haben Abitur gemacht. Der eine hat Medizin studiert und der Andere ist Jurist geworden.

Pop-Up-Museum

Vom 11. – 27. Juni 2021 eröffnet das Landesmuseum Württemberg ein Pop-Up-Museum im ehemaligen Kaufhaus Leitz. Rund um die unverkauften Waren des Kaufhaus Leitz erzählen wir vom Wandel des Konsumverhaltens der letzten 70 Jahre.

2 Kommentare zu “Vom Wandel des Konsums: Ein Gespräch mit Annelore Leitz”

  1. Ich freue mich schon das Museum. Auch ich habe dort meine Rollschuhe bekommen und die Schildkrötpuppe, eine mit dunkler Hautfarbe habe ich heute noch. Mein Bruder würde gerne als Erster rein, um zu sehen, ob es da noch Dinge gibt, die er früher aus Geldmangel nicht bekommen hat und die er sich heute kaufen könnte.
    Sabine 63 Jahre alt, aufgewachsen in Knittlingen

  2. Ich war als Sammler das erste Mal um 2000 bei Leitz. Es gab noch einiges an interessanten alten Dingen für mich, aber die Preisgestaltung war derart, daß man sich auf Sammlerbörsen günstiger eindecken konnte. Der Ladner war nicht zugänglich, hat regelmäßig die Preise überproportional angelupft und deswegen gibt es heute noch immer viele alte Waren zum bestaunen. Mit der Umgestaltung des Pop-Up-Museums ist das doch sehr spezielle “Flair” des Ladens verschwunden. Dafür ist es nun ordentlich.

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