Guck mal! Depotlieblinge – Teil 2: Der Depotfund von Winterlingen

Ein früher Fundkomplex und was er über Sammlungsgeschichte erzählen kann

Die Volontär*innen-Ausstellung „Guck mal! Depotlieblinge“ stellt Lieblingsobjekte von Museumsmitarbeitenden vor. Aus der Abteilung Archäologie wurde ein Depotfund mit neun Bronzeobjekten ausgewählt. Dabei handelt es sich um den „Depotliebling“ von Thomas Hoppe, Leiter des Referats Vorrömische Metallzeiten.

 

Was genau ist hier zu sehen?

Bei diesen Objekten bekommt das Word „Depot“ eine doppelte Bedeutung: Heute werden sie im Museumsdepot aufbewahrt und vor langer Zeit wurden die Gegenstände selbst als sogenanntes Depot in der Erde niedergelegt. In der Archäologie werden diese Depots als „Depotfund“ oder auch als „Hort-, Opfer- oder Verwahrfund“ bezeichnet.

Ein Depotfund setzt sich meist aus mehreren Objekten zusammen. Typisch ist, dass die enthaltenen Gegenstände gleichzeitig und bewusst in der Erde vergraben wurden. Die ursprünglichen Beweggründe, Horte anzulegen, sind aus heutiger Sicht schwer zu rekonstruieren. Vermutlich sollten die Objekte verwahrt oder versteckt werden, um sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorzuholen – was den einstigen Besitzern aus uns unbekannten Gründen offenbar nicht mehr gelang.

Zu dem Depotfund von Winterlingen gehören ein Sichelmesser, auch „Rebmesser“ oder „Hippe“ genannt, drei Lappenbeile und fünf Griffzungensicheln, die alle aus Bronze hergestellt sind. Sowohl die Formen des Fundmaterials als auch die Zusammensetzung des Bronzehortes sind typisch für die späte Urnenfelderzeit und datieren diesen somit in das 9. Jahrhundert vor Christus.

Neun Objekte aus Bronze vor einem schwarzen Hintergrund. Dazu gehören ein Sichelmesser, fünf Sicheln und drei Beile.

Abb. 1: Die neun Bronzeobjekte des Winterlinger Depotfunds

 

Welche Geschichte steckt dahinter?

Nicht nur das Alter der Objekte, sondern auch die Geschichte des Depotfundes nach seiner Entdeckung ist bemerkenswert. Der Bronzedepotfund wurde bereits 1609 bei der Gemeinde Winterlingen im Zollernalbkreis gefunden. Die Objekte wurden wohl noch im selben Jahr vom damaligen Balinger Obervogt Friedrich von Thergenau an die Kunstkammer von Johann Jakob Guth von Sulz-Durchhausen (1543–1616) übergeben.

Im Zusammenhang mit dem um 1624 erstellten Inventar der Sammlung Guth von Sulz findet sich auch die erste Nennung des Winterlinger Ensembles. Im Jahr 1653 wird die Sammlung Guth von Sulz und damit auch der Depotfund in die württembergische Kunstkammer aufgenommen, wo er sich über spätere Inventareinträge erneut fassen lässt.

Mehrere Objekte aus Bronze vor einem hellen Hintergrund. Die Objekte sind in weißer Farbe beschriftet.

Abb. 2: Detailaufnahme mehrerer Lappenbeile. Inventarnummern und Fundortangaben ermöglichen die eindeutige Zuordnung der Objekte

 

Warum ist es ein Depotliebling?

Für Thomas Hoppe ist der Depotfund ein besonderer Fundkomplex, da er aufgrund seiner frühen Entdeckung zu den ältesten erhaltenen archäologischen Bodenfunden Deutschlands zählt. Zudem wurde er bereits 1653 in die württembergische Kunstkammer aufgenommen und ist damit schon lange fester Bestandteil des Landesmuseums Württemberg. „Aufgrund seiner Geschichte und des besonderen Weges in unser Museum wurde der Hortfund für dieses Projekt ausgewählt“, sagt Thomas Hoppe.

Doch warum ist der Depotfund trotz seiner Bedeutung dann nicht in der Schausammlung zu sehen? Wie bereits im Blogbeitrag zum Konzept der Ausstellung erwähnt, gilt es bei der Konzeption einer (Dauer-)Ausstellung immer auch, eine passende Objektauswahl zu treffen.
Thomas Hoppe erklärt: „Der Depotfund von Winterlingen hätte es sowohl aufgrund seiner Geschichte als auch aufgrund seiner wissenschaftlichen Bedeutung verdient, Teil der Schausammlung zu sein. Er war in der Tat bis 2012 in der Ausstellung zu sehen. Aufgrund der notwendigen Schärfung von Themengebieten in Kombination mit dem im Vergleich zur alten Ausstellung reduzierten Raum mussten jedoch für die Schausammlung ‚LegendäreMeisterWerke – Kulturgeschichte(n) aus Württemberg‘ zwei andere, einzigartige Ensembles für die Präsentation ausgewählt werden: das Gussformen-Depot von Heilbronn-Neckargartach und das Brucherzdepot von Albstadt-Pfeffingen. Sie vermitteln die kulturhistorische Rolle und die Bandbreite spätbronzezeitlicher Depots noch eindrücklicher. Die Entscheidung ist seinerzeit nicht leicht gefallen. Umso schöner ist es, dass der Fund von Winterlingen nun in unserer Volontär*innen-Ausstellung ,Guck mal! Depotlieblinge‘ zu sehen ist.“

Ein Bronzeobjekt wird von einer Person, die schwarze Handschuhe trägt, in eine kleine Plastiktüte gesteckt. Im Hintergrund steht ein Karton, in dem weitere Objekte in Tütchen gelagert sind.

Abb. 3: Die Bronzeobjekte werden für den Transport ins Alte Schloss sicher verpackt.

Was ist der Bezug zu heute?

Die Objekte des Depotfundes erzählen möglicherweise auch etwas über ein Thema, das heute wieder besonders aktuell ist: Recycling und der bewusste Umgang mit wertvollen Ressourcen. Bereits die Menschen in der Bronzezeit haben versucht, Gegenständen ein zweites Leben zu geben. In der späten Bronzezeit (1.300–800 vor Christus) kam es durch intensiven Rohstoffabbau zu einem Mangel an leicht verhüttbaren – also einfach zu reinen Metallen verarbeitbaren – Erzvorkommen wie beispielsweise Zinn und Kupfer. Die beiden Materialien werden für die Herstellung von Bronze benötigt. Diese Rohstoffknappheit führte dazu, dass man auf Erze in tieferen Gesteinsschichten zurückgreifen musste, die deutlich schwieriger abzubauen waren und aufwendig verhüttet werden mussten. Eine alternative und durchaus attraktive Möglichkeit an Rohstoffe zu gelangen, bestand deshalb darin, das Material von bereits vorhandenen Bronzegegenständen zu recyceln.

Aus eben dieser Zeit finden Archäolog*innen besonders viele Depotfunde, die sich aus Bronzeobjekten zusammensetzen. Es wird angenommen, dass die Depots als eine Art Zwischenlager für das wertvoll gewordene Material Bronze dienten. Die Objekte sollten im Boden gelagert werden, bis das Material erneut benötigt wurde. Meistens wurden die Gegenstände nach dem Bergen dann eingeschmolzen, um neue Artefakte herzustellen.

Die Objekte des Winterlinger Depotfunds zeigen allesamt Gebrauchsspuren einer ehemaligen Nutzung. Sie deuten darauf hin, dass sie vor ihrer Deponierung bereits einige Zeit in Gebrauch waren. Möglicherweise sollten auch diese Geräte für eine spätere Nutzung der Bronze in der Erde zwischengelagert werden.

Die auf den ersten Blick etwas unscheinbar wirkenden Bronzeobjekte des Depotfunds von Winterlingen zeigen sehr anschaulich, dass sich hinter jedem historischen Objekt eine ganz besondere Geschichte verbergen kann. Nicht nur der erstaunlich frühe Fundzeitpunkt, auch der Bezug zu heutigen gesellschaftsrelevanten Themen machen das Ensemble zu einem besonderen archäologischen Fundkomplex.

Ein zweiter Blick auf den Bronzedepotfund lohnt sich also, um diese zeitübergreifenden Zusammenhänge zu verstehen. Ab dem 15. September 2026 ist er in der Ausstellung „Guck mal! Depotlieblinge“ im Foyer des 2. Obergeschosses des Landesmuseums zu sehen.

 

Literatur- und Quellenverzeichnis

  • Thomas Hoppe, Der Bronzedepotfund von Winterlingen. In: Landesmuseum Württemberg (Hrsg.), Die Kunstkammer der Herzöge von Württemberg. Bestand, Geschichte, Kontext. Band 1 (Heidelberg 2019).
  • Alix Hänsel/Bernhard Hänsel, Gaben an die Götter. Schätze der Bronzezeit Europas. Ausstellung der Freien Universität Berlin in Verbindung mit dem Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Bestandskataloge 4 (Berlin 1997).

 

Abbildungsnachweise und Nutzungsbedingungen

Beitragsbild: Landesmuseum Württemberg, Carolin Kunzi (CC BY 4.0).
Abb. 1: Depotfund von Winterlingen, 9. Jahrhundert v. Chr., Bronze, Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt (CC BY 4.0), A3066,1-9.
Abb. 2: Depotfund von Winterlingen (Detailansicht), Landesmuseum Württemberg, Carolin Kunzi (CC BY 4.0), A3066,1-9.
Abb. 3: Landesmuseum Württemberg, Carolin Kunzi (CC BY 4.0).

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