Faszination Schwert heute: ein Schwertfeger berichtet

Obwohl das Schwert seine ursprüngliche Funktion als tödliche Waffe, Machtsymbol oder auch nur als kostbares Geschenk für Könige und Kirchenfürsten im Laufe der Jahrhunderte eingebüßt hat, ist die Faszination, die von einem Schwert ausgeht, bei vielen Menschen ungebrochen, spaltet – im wahrsten Sinne des Wortes –  aber auch!

Das Schwert, ein Spalter?!

Warum denn ausgerechnet Schwerter, werde ich oft gefragt, wenn mich interessierte Mitmenschen nach meiner Beschäftigung im Altersunruhestand fragen. „Wofür braucht man das?“ ist meine Lieblingsfrage. Wenn man ein bisschen recherchiert findet man Sammler, Mittelalterfans , Reenacter, Federfechter und Kampfsportler, Restauratoren uvm. Dann gibt es noch die, die sich um die Herstellung von Schwertern bemühen. Hier finden wir Schwerter, die in kleinen oder sogar großen Serien mehr oder weniger maschinell gefertigt werden.Doch das soll nicht mein Thema sein.

Schwerter anfertigen als Hobby

Es gibt aber auch heute noch weltweit namhafte, weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte und wertgeschätzte Schwertschmiede, die nach uralter Tradition wahre Kunstwerke erschaffen. Darüber ist an anderer Stelle auch schon viel berichtet worden.
In Hochachtung vor denen die es wirklich sind, nenne ich mich nicht Schwertschmied, sondern habe für mich die treffendere Bezeichnung Schwertfeger gewählt, weil dieser alte ehrwürdige Beruf in seiner ganzen Vielfalt eher zu dem passt, was in meinem jetzigen Lebensabschnitt zu meiner Leidenschaft geworden ist.

Aus der Autoindustrie in die Schmiede von heute

Als Ingenieur habe ich 35 Jahre in der Automobilindustrie gearbeitet. Schon immer habe ich gerne meine Gedanken in Skizzen und Konstruktionszeichnungen visualisiert und natürlich auch zu einem Werkstück geformt. Wie andere auch, habe ich mich durch die Konstruktionsregeln, die Peter Johnsson in Zusammenarbeit mit dem Klingenmuseum Solingen erarbeitet und veröffentlicht hat, nachhaltig inspirieren lassen.

Entwurf und Realisierung © Ulrich Langbehn

Entwurf und Realisierung © Ulrich Langbehn

Wie die „alten Schmiede“ auch, habe ich mich entschlossen heute vorhandene Innovationen zu nutzen und deshalb in meinem Herstellungsprozess das ganze Thema Eisengewinnung im Rennofen, ausschmieden und Klinge ausformen usw. zu überspringen und einfach mit einem qualitativ hochwertigem Stück Flachstahl aus dem Walzwerk zu beginnen und die Klinge am Bandschleifer herauszuschleifen, auch wenn das bei vielen Schwertenthusiasten unweigerlich zum „Naserümpfen“ führt.
Vielleicht in einem nächsten Leben…….

Faszination Material

Da ich schon seit 2003 mit Messermacherei begonnen habe, habe ich einen guten Überblick, welcher Stahl für welche Klinge tauglich ist. Da die fertige Klinge scharf und zum sogenannten Schneiden eingesetzt werden soll und wird, bevorzuge ich momentan für meine Schwertklingen einen Federstahl mit 0,8% Kohlenstoff, der auf 55-58 HRC gehärtet wird.

Die Faszination zum Thema Schwert liegt für mich als neugierigen und handwerklich nicht ungeschickten Menschen immer wieder in der Beantwortung der Fragen: Wie und warum haben „die“ das damals gemacht? Wo bekomme ich heute das richtige Material her? Welche Möglichkeiten gibt es heute, um zum vergleichbaren oder besseren Ergebnis wie damals zu kommen?

Spannend ist immer wieder die Vielfalt der Materialien und die spezifischen Anforderungen an die jeweilige Verarbeitung. Wenn ich will, kann ich heute Känguruleder, Haifischleder oder Leder vom Straußenbein am Schwertgriff und Schwertscheide verarbeiten und bekomme rhabarbergegerbtes Heidschnuckenleder für die Innenseite der Schwertscheide, damit die Politur der Klinge nicht verkratzt und durch Gerbsäure korrodiert.

Man lernt nie aus…

Da ich nie eine Lehre als Schlosser, Schmied, Tischler oder Kirschner, Flaschner gemacht habe, heißt mein Motto oft: Aus Fehlern lernen!

Meine Neugier erweitert sich auch auf das Fertigen von Schwertscheiden und Gürteln. Genauso wie beim Schwert selbst geht es auch hier um Stabilität, Flexibilität und natürlich Gewicht. Für mich ist aber das höchste Ziel immer: funktionale Schönheit!
Es heißt, Schönheit liegt im Auge des Betrachters und deshalb freut es mich ganz besonders, wenn ich auf Ausstellungen oder im Gespräch mit Gleichgesinnten Rückmeldungen bekomme, die mich ermutigen weiter zu machen und mich den nächsten Herausforderungen zu stellen.

Interpretation eines Degen mit Bügelgefäß um 1600 © Ulrich Langbehn

Interpretation eines Degen mit Bügelgefäß um 1600 © Ulrich Langbehn

Zur Zeit fesselt mich ein Degen mit durchbrochener Klinge nach einem Vorbild aus der Zeit um 1600. Allein sich mit der Terminologie des Bügelgefäß mit seinen Terzringen und Quartspangen und deren richtigen Anordnung auseinanderzusetzen ist für mich ein Hochgenuß!

Schwertschmieden verbindet

Nochmal gefragt: Warum denn bitte Schwerter?
Antwort: Weil ich es kann und weil es Spaß macht!

Die Belohnung, wenn ein Schwert fertig ist, liegt natürlich im Schnitttest im Kreis von Freunden, verbunden mit gutem Essen und Wein. Nach einem interessanten Berufsleben als Ingenieur und Führungskraft habe ich durch meine neuen handwerklichen Aktivitäten als Schwertfeger eine weitere Möglichkeit gefunden, mit wieder ganz unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu treten und meinem Geist Nahrung zu geben. Auch wenn Wilhelm von Humboldt auf seinen Reisen wohl eher einen Spazierstock und kein Schwert getragen hat, möchte ich hier doch damit enden, ihn zu zitieren:

Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.

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