Eine sitzende Tätigkeit – Stuttgarts Zentrum neu planen

Keiner weiß wirklich, wie das alles angefangen hat. Nur soviel: Es ist sehr (!) lange her – und es war schon damals ein wirklich ambitioniertes Vorhaben. Die Rede ist vom Bau des Alten Schlosses, vom Haupthaus des Landesmuseums Württemberg, von jener Sehenswürdigkeit Stuttgarts, die die Stuttgarter nach dem Fernsehturm als die zweit wichtigste ihrer Stadt erachten.

In aller Kürze

Ich könnte jetzt sehr weit ausholen und die ganze lange Geschichte erzählen, aber ich spule schnell etwas vor: Das Alte Schloss, seit Eberhard I. herzögliche Residenz in Stuttgart, maßgeblich erweitert unter Christoph (zweite Hälfte 16. Jahrhundert), im Inneren immer wieder aktualisiert, 1931 durch Brand schwer beschädigt und wieder errichtet, in den Bombennächten 1943 und 1944 bis auf die Grundmauern zerstört, nach 1952 wiederaufgebaut bis 1965. Es ist DAS ZENTRUM der Stadt.

Historisch gesehen muss hier im 10. Jahrhundert die Stadt ihren Anfang genommen haben. Über Epochen hinweg war das Schloss im Stuttgarter Tal der Dreh- und Angelpunkt dieses Gemeinwesens, weithin sichtbares Wahrzeichen einer selbstbewußten Herrschaft.

Daher wird bei allen Planungen dem zentralen Hauptbau auch immer besondere Aufmerksamkeit zu teil. Er ist der älteste Teil des Ensembles. Er diente immer der Repräsentation.

Dieser Hauptteil des Gebäudes heißt Dürnitz oder Türnitz – je nachdem wie historienaffin man ist. Der Bau ist 50 Meter lang, 20 Meter breit und das Erdgeschoss circa 7 Meter hoch. Ein Saal von mehr als 1.000 m² – wahrhaft fürstlich. Und das war er schon immer.

Dürnitz Altes Schloss Dürnitz Altes Schloss

Wozu nur?

Diese riesige Fläche war einst dazu da, die zahlreiche Entourage nobler Gäste aufzunehmen und bei Festen fand hier das Gros der Gefolgschaft Platz. Es gab eine Zeit, da zierten mehrere hundert Hirschgeweihe die Wände des Saals – Ausdruck des Reichtums und Jagdgeschicks der Hausherren. Aber diese Zeiten sind vorbei. Ebenso jene, da hier die historischen Waffen der Württembergischen Armee ausgestellt waren. Beim Wiederaufbau nach dem Brand von 1931 sah der damalige Architekt hier den Ort seiner kühnsten Träume, in vollen Zügen den Geist seiner Epoche inhalierend, schwebte ihm eine Ruhmeshalle der feinsten Schwäbischen Köpfe „in Erz und Bronze gearbeitet“ vor – ein Walhalla der Hiesigen. Der Plan blieb erfolglos. Zum Glück.

Blick auf das durch den Brand von 1931 beschädigte und bereits teilweise wiederhergestellte Alte Schloss in Stuttgart. Im Hintergrund sind die Türme der Stiftskirche zu sehen.

Wie nutzt man einen solchen Saal heute? Wie verleiht man einem solchen Zeugen der Geschichte Gegenwart und Zukunft? Indem man sich besinnt, wie frühere Generationen mit einem solchen Schloss verfuhren: Man aktualisiert im Geschmack und nach den Bedürfnissen der Zeit.

Es ist wenig bekannt, dass das Alte Schloss und insbesondere der Dürnitzbau mit seinen voluminösen Türmen auch eine barocke Phase hatte und mit üppigem Stuck à la mode dekoriert war. Die zwei  katastrophalen Zerstörungen im zwanzigsten Jahrhundert und die anschließenden Überarbeitungen haben davon nichts übriggelassen und niemand forderte einen Wiederaufbau in jenem Stil.

Jetzt, zwanzig Jahre nach der letzten Sanierung, der insgesamt Dritten im vergangenen Jahrhundert, erfolgt die nächste Planung zur Aktualisierung dieser großen Halle, die allen Besuchern des Schlosses – nach dem Durchschreiten des beeindruckenden Innenhofes – als Empfang, als Ort des Willkommens dient.

Und für wen das alles?

Die Gäste, die heutzutage kommen, kommen von überall her. Im Alten Schloss treffen sich Menschen aus allen Kontinenten, Menschen des globalisierten Zeitalters, des digitalen, medialen, konsumierenden, migrierenden 21. Jahrhunderts. Kaum jemand, der heute zur Tür hereinkommt, weiß, dass er in Württemberg ist. Die Menschen aus der Region ja, zumal die Älteren, aber die jedes Jahr zunehmende Zahl von internationalen Gästen betritt neugierig und unvoreingenommen das Schloss, frei von Erwartungen an eine wie auch immer imaginierte, großartige Vergangenheit.

Die meisten, die heute zu Besuch kommen, haben keine konkrete Vorstellung, was sie erwartet. Sie wollen etwas sehen und erfahren, sie wollen ihre Zeit genießen, sich etwas erholen und beleben lassen – ja, und gerne einen Capuccino – und, sagen Sie, wo sind denn hier die Toiletten? Alles sehr irdisch, sehr menschlich.

Für dieses Publikum entsteht der neu überarbeitete Raum. Er wird seine monumentale Dimension behalten, aber seinen Charakter verändern. Hell soll er werden, wohnlicher, ein Raum, in dem man sich gerne aufhält. Neben all den notwendigen Service-Angeboten, die ein modernes Museum bieten muss, soll es ein schöner Raum sein, der von seinen Gästen genutzt wird ohne Absicht. Hier kann man sein und die Atmosphäre, die atemberaubenden Ausblicke (Schlosshof! Schlossplatz! Karls-Platz! Dorotheen-Quartier! Markthalle! – ja, sogar Fernsehturm!!!) genießen.

Was kommt dahin?

Dazu werden Boden und Decke hell, nicht nur durch moderne Beleuchtung, auch durch neue Materialien, die großen Spitzbogenfenster (20. Jahrhundert!) werden von ihren Verschattungsgittern befreit, um das Licht in die hohe Halle fließen zu lassen. Der einzig erhaltene gotische Spitzbogen wird wieder freigelegt – endlich ein altes Stück Schloss! Neu wird die Erschließung, neue Wege führen auf die Reitertreppe und das Ausstellungsgeschoss der Kunstkammer.

Auch Infocounter und Garderoben werden neu, geschreinert aus hellen Hölzern. Ein offener Shop zeigt sein Sortiment für jene, die en passant sich den Saal erschließen, die vom Innenhof durch die neuen Türen in das Café gehen und sich in der Lounge niederlassen und schnell noch ein paar E-Mails checken. Die Dürnitz wird Stuttgarts gute Stube – ein Kulturfoyer (Übrigens, liebe Freunde der Etymologie: Foyer bedeutet Raum mit offenem Herd [Feuer] – Dürnitz bezeichnet eine beheizbare Halle einer Burg…)

Aber nicht nur das, der Raum kann auch als Veranstaltungsaal für 500 Personen genutzt werden. Inklusive versenkbarer Bühne, High-End Medientechnik, Matrixsteuerung und Soundsystem vom Feinsten und, und, und – denn: internationaler Tourist, des merkscht gleich – do bischt im Land dr Tüfftler und Käppsele, boi dr Technik sparet mer net! Aber, der Cappucino isch auch subber!

Arbeit mit Leidenschaft!

All das setzt sehr viel Detailverliebheit voraus – umfassende, gründliche Planung. So werden auch die Möbel im Café und Loungebereich handverlesen sein. Und getestet! Von kenntnisreich Sitzenden. Eine ausgewählte Gruppe äußerst versierter Sitzkräfte des Landesmuseums und der staatlichen Vermögen- und Bauverwaltung fuhren zu einem international berühmten, aber regional verorteten Hersteller herausragender Sitzmöbel nach Herrenberg (schon König Wilhelm II. von Württemberg saß genießerisch auf dessen hinreißenden Fauteuils), um sich hier mit vorbildlichem, persönlichem Engagement einen eigenen Eindruck über die zukünftige Ausstattung des Kulturfoyers zu verschaffen.

Am eigenen Körper testete die Kommission nicht nur Sitzhöhe und Sitztiefe, nein, auch den richtigen Federungsgrad, der es Gästen aller Altersgruppen erlauben soll, sich nicht nur in die Kissen der Sessel und Sofas fallen zu lassen, sondern auch sellbsständig wieder aus ihnen heraus zu kommen, ohne dabei den Anschein elegantester Beiläufigkeit zu verlieren, den das niveauvolle Sitzen in internationalem Flair dem Flaneur des neuen Milleniums abfordert. Lederstärken und -qualitäten, Nahtverläufe und Wülste, Stand- und Drehfestigkeit von Mobiliar – all das muss getestet sein, um nicht nur geschmacklich, sondern auch funktional und im Hinblick auf Durabilität, Sicherheit und Sitzkomfort eine Einheit zu bilden, die dann mit dem Raum ein selbstverständliches Ganzes darstellt.

Das Alte Schloss bereitet sich vor. Die neue Dürnitz wird Bühne eines weltoffenen, internationalen Publikums. 2020 sollen die Arbeiten fertiggestellt sein. Das Foyer wird das, was es immer war: anspruchsvoller Ort des Empfangs von Gästen aller couleur. Es wird – wie auch früher schon – Ausdruck selbstbewußter Repräsentation, regionaler Identität und ein Kind seiner Zeit – ein schönes, dieses Mal.

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