Bonjour Colmar! Von der Stuttgarter Markthalle ins ehemalige Stadtbad

Um die deutsch-französische Zusammenarbeit im Museumsbereich zu stärken, organisieren und fördern das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW/OFAJ), das Haus der Geschichte Bonn und die Direction générale des patrimoines alljährlich einen Austausch, der junge Museumsmitarbeiter*innen für zwei Monate den Museumsalltag im jeweils anderen Land erleben lässt.
Während sich meine Kolleg*innen nach St. Etienne, Köln, Paris, Baden-Baden, Lyon, Hamburg, Besançon, Berlin, Rouen, Potsdam, Orléans und Toulouse aufmachten, kam ich Ende April für meinen „séjour professionnel“ am Musée Unterlinden in Colmar an.

Ein bisschen Geschichte

Letztes Jahr strömten knapp 200 000 Besucher ins Musée Unterlinden – Kunsttouristen, die es vornehmlich auf den weltberühmten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald abgesehen haben.

Den schönsten Blick auf den Isenheimer Altar hat man von der Empore! © Katharina Wilke

Den schönsten Blick auf den Isenheimer Altar hat man von der Empore! © Katharina Wilke

Aber der für die Geschichte des Musée Unterlinden weitaus bedeutendere Name ist der des in Colmar geborenen Kupferstechers und Malers Martin Schongauer. Er gab 1847 jener „Schongauer Gesellschaft“ seinen Namen, die am 3. April 1853, in der vom Abriss bedrohten Dominikanerinnenkirche unter den Linden in Colmar das Musée Unterlinden eröffnete.
Bis heute verwaltet die Schongauer-Gesellschaft das Museum. Sie gibt die Strategie vor, finanziert Ankäufe, Ausstellungen, Restaurierungen sowie die Vermittlungsarbeit.

Ce n’est pas une piscine!

„Nein, das ist kein Schwimmbad!“ muss zuweilen das Aufsichtspersonal geduldig erklären, denn die Enttäuschung den als „Piscine“ ausgeschilderten Museumsbereich ohne Wasser vorzufinden, wiegt bei manchem Museumsgast durchaus schwer.

Fliesen aus dem alten Stadtbad © Katharina Wilke

Fliesen aus dem alten Colmarer Stadtbad, die heute noch die Bürowände zieren © Katharina Wilke

Seit der Neueröffnung des Musée Unterlinden im Dezember 2015 ist das ehemalige Stadtbad, in dem man bis 2003 seine Bahnen schwimmen konnte, als Veranstaltungs- und Ausstellungsort Teil des Museums und beherbergt dazu die Museumsverwaltung mit Büroräumen und Depotflächen.

Was mache ich hier eigentlich?

Erst im laufenden Museumsbetrieb offenbarte der Um- und Neubau des Musée Unterlinden durch das Architekturbüro Herzog & de Meuron seine Schwachstellen. Jetzt arbeite ich im „service des publics“ mit daran, den Orientierungsplan sowie die Wegeführung zu optimieren und Räume zu schaffen, an denen Vermittlungsangebote ergänzt werden können.
Durch partizipative und kollaborative Projekte will sich das Museum außerdem wieder mehr ins Bewusstsein der Colmarer Bürger*innen rücken. Dabei sind für meine französischen Kollegen*innen nicht nur Projekte interessant, die im eigenen Land erfolgreich waren, sondern auch jene, die in der deutschen Museumslandschaft Aufsehen erregten. So entsteht ein fruchtbarer und für beide Seiten gewinnbringender Austausch.

Morgens, oder abends bevor das Museum schließt genieße ich im Kreuzgang paradiesisches Vogelgezwitscher © Katharina Wilke

Morgens, oder abends bevor das Museum schließt genieße ich im Kreuzgang paradiesisches Vogelgezwitscher © Katharina Wilke

Kulturaustausch mit Tradition!

Während ich für zwei Monate meinen Schreibtisch unter dem Dach der Stuttgarter Markthalle gegen einen Platz im alten Colmarer Stadtbad eingetauscht habe, hängt – von aller Distanz unberührt – ein Tafelbild im Gemäldedepot des Landesmuseums, dessen Beziehung zu Colmar offenkundig ist!

Flucht nach Ägypten © Landesmuseum Württemberg Martin Schongauer: Flucht nach Ägypten, zwischen 1470–1475, Kupferstich 25,5 x 17 cm © Musée Unterlinden

links: Martin Schongauer: Flucht nach Ägypten, zwischen 1470–1475, Kupferstich 25,5 x 17 cm © Musée Unterlinden rechts: unbekannter Maler: Flucht nach Ägypten, um 1480 © Landesmuseum Württemberg

Auf Schongauers Kupferstich macht die heilige Familie in einer tropischen Oase Halt, in der sogar ein Drachenbaum wächst. Dieser afrikanische Baum, ganz links im Bild, war seit dem 15. Jahrhundert auf den Kanarischen Inseln bekannt, bevor er in Spanien heimisch wurde. Es ist ungewiss, ob Schongauer die Gelegenheit hatte, die iberische Halbinsel zu besuchen, sicher lag ihm aber eine Zeichnung dieser Pflanze vor.
Der Maler unserer Tafel nutzte wiederum Schongauers Kupferstich als Vorlage für seine Flucht nach Ägypten und war damit nicht der Einzige! Viele Male wurde dieses Motiv ganz oder teilweise von anderen Künstlern aufgegriffen – die getreuste Kopie wird heute übrigens in der Stuttgarter Staatsgalerie aufbewahrt.
Noch einen knappen Monat werde ich hier in Colmar verbringen, das tägliche „Bonjour“ ist inzwischen herzliche Routine und auch die Küsschen rechts und links sind zur Normalität geworden – wäre das nicht ein schönes Mitbringsel …? À bientôt à Stuttgart!

5 Kommentare zu “Bonjour Colmar! Von der Stuttgarter Markthalle ins ehemalige Stadtbad”

  1. Sicher ein sehr interessanter Einblick in die Museumswelt in Frankreich! Das Büro im ehemaligen Schwimmbad stelle ich mir super vor 🙂 so eins hätte ich auch gerne. Sehr spannend ist die Erklärung zur „Flucht nach Ägypten“. Danke für den unterhaltsamen und informativen Beitrag, es hat Spass gemacht diesen zu lesen!

  2. Ein schöner Bericht und eine tolle Möglichkeit, sich interkulturell in der Museumswelt zu bewegen!
    Ich wünsche Dir eine wunderbare Restzeit im schönen Colmar und viele gute Erinnerungen und Erfahrungen, die Du nach Stuttgart mitbringen darfst.
    Küsschen links und Küsschen rechts!

  3. De belles photos et de bons souvenirs de ce musée et de sa piscine sans eau. Le bonjour et les bises (elles peuvent aussi se faire de droite à gauche), les traditions françaises ont du bon ?.

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