Nein, das ist keine Guillotine für den Heimgebrauch. Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussieht: Das gezeigte Objekt ist ein Nussknacker – und zwar ein selbstgebauter. Dieser „Nussknacker Marke Eigenbau“ gehört zu einem Konvolut an zweckentfremdeten Alltagsgegenständen. In diesem Fall wurde ein altes Messer so umfunktioniert, dass man damit Nüsse öffnen kann.
Ab Mitte August 2026 ist der Nussknacker in der Neuzugangsvitrine im Museum der Alltagskultur – Schloss Waldenbuch zu sehen. Das Objekt kam zusammen mit weiteren selbstgebauten und umgenutzten Gegenständen als Schenkung ins Museum. Sie alle stammen aus der Werkstatt eines Mannes, der Dingen, die andere vielleicht weggeworfen hätten, ein zweites Leben gab. Seine Tochter erzählt, dass er immer wieder altes Werkzeug und ausrangierte Gegenstände weiterverwendete. Aus einem alten Fernsehgehäuse entstand beispielsweise eine Puppenstube, aus leeren Aluminiumdöschen wurden Weihnachtssterne – und aus einem Buttermesser eben ein Nussknacker.
Was auf den ersten Blick wie eine originelle Bastelei wirkt, erzählt eine größere Geschichte. Eine Geschichte davon, wie Menschen mit Dingen umgehen, warum sie sie aufbewahren, reparieren und umnutzen – und wie sich die Gründe dafür im Laufe der Zeit verändern.
Verändertes Ding-Verständnis
Die Weiter- und Umnutzung von Gebrauchsgegenständen ist für die Alltagskulturforschung besonders interessant. Denn sie zeigt, dass die Funktion eines Gegenstands keineswegs unveränderlich ist. Bei einem Buttermesser scheint zunächst klar, wozu es da ist. Doch der Erbauer unseres Nussknackers hielt sich nicht an diese vorgesehene Funktion. Er eignete sich das Messer neu an und funktionierte es um. Umnutzung ist in diesem Sinne ein kreativer Akt: Menschen verändern Dinge und passen sie ihren eigenen Bedürfnissen an.
Im Fall des Nussknackers spielte dabei nicht nur Erfindungsreichtum eine Rolle. Die Tochter des Erbauers erzählt, dass die Familie nicht über viel Geld verfügte. Vorhandenes weiterzuverwenden und daraus etwas Neues zu machen, war also auch eine Möglichkeit, mit begrenzten finanziellen Mitteln umzugehen. Der Nussknacker steht damit für eine Haltung, die vor allem bei Menschen verbreitet ist, die Zeiten des Kriegs und Mangels erlebt haben: Was noch zu gebrauchen ist, wird nicht weggeworfen.
Eine Generation der Bastler?

Abb. 1: Ein mehrfach geflickter Bettbezug aus verschiedenen Stoffen
Mein Großvater zum Beispiel hatte mehrere Dosen krummer Nägel. „Die kann man nochmal grad‘ klopfen“, antwortete er auf die Frage, warum er sie aufbewahrte. Unabhängig davon, dass das nie passierte, bestand hier also das große Bedürfnis, Dinge zu behalten, weil sie eventuell wieder nützlich werden oder zumindest nützlich gemacht werden können.
Im Rahmen des Begegnungsprojektes „Kontaktzone“ im Museum der Alltagskultur Schloss Waldenbuch fand ein Workshop statt, in dem sich Auszubildende in der Pflege und Senior*innen aus einem Pflegeheim trafen. Thema des Workshops war Kleidung. Immer wieder wurde darüber gesprochen, dass Menschen früher mehr repariert hätten. Eine moderne Jeans aus dem Museumsbestand, deren Löcher bereits beim Kauf zum Design gehörten, sorgte bei einigen älteren Teilnehmenden für Belustigung. Ein Kleidungsstück absichtlich „kaputt“ zu kaufen, erschien ihnen widersinnig. Der mehrfach geflickte Bettbezug dagegen war ihnen vertraut.
Geflickt und repariert worden sei früher häufig aus Geldmangel, erzählten sie – aber auch aus Wertschätzung für die Dinge: „So ein gutes Bettlaken, das kann man doch nicht einfach wegwerfen. Da muss man doch noch was mit machen.“ Im Gespräch entstand der Eindruck: Früher wurde repariert, heute wird weggeworfen.
Aber stimmt das? Wie verhält es sich heute mit der Wiederverwendung und Umnutzung von Gegenständen?
Vom Weiternutzen zum Upcycling
Repair-Cafés, Do-it-yourself-Anleitungen und Upcycling-Projekte zeigen, dass Reparieren und Umnutzen keineswegs verschwunden sind. Im Gegenteil: Unter Begriffen wie Re- und Upcycling haben alte Praktiken neue Aufmerksamkeit bekommen. Über soziale Netzwerke werden Tipps und Anleitungen getauscht, Bastler*innen zeigen ihre Projekte, tauschen sich aus und geben ihre Ideen weiter.
Während das Reparieren und Umnutzen früher häufig aus Mangel oder finanzieller Notwendigkeit entstand, ist der heutige Upcycling-Boom – zumindest in wohlhabenden Gesellschaften und Milieus – jedoch stärker mit einem wachsenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu erklären. Dinge weiterzuverwenden soll Ressourcen sparen, Müll vermeiden und Umwelt und Klima schonen.
Upcycling als Konsumgut vs. Notwendigkeit
Allerdings hat die Popularität von Upcycling noch eine weitere Seite: Wiederverwendung ist inzwischen selbst zum Verkaufsargument geworden. Unternehmen bieten Produkte an, deren besonderer Wert gerade darin besteht, dass sie aus bereits verwendeten Materialien hergestellt wurden – etwa Taschen aus alten LKW-Planen. Umweltschutz-Organisationen wie Greenpeace merken immer wieder an, dass Upcycling oft lediglich „Greenwashing“ sei. Die Idee, weniger neu zu konsumieren, kann selbst neuen Konsum hervorbringen. Und ein Gegenstand aus wiederverwendetem Material ist nicht automatisch ressourcenschonend, nur weil „Upcycling“ daraufsteht.
Die Frage ist also nicht nur, ob Menschen Dinge wiederverwenden. Ebenso interessant ist, warum sie es tun – und welchen Wert wir dieser Wiederverwendung zuschreiben.

Abb. 2: Selbstgebauter Nussknacker aus einem Buttermesser, dessen Klinge zwischen zwei Holzklötzchen befestigt wurde. Schenkung Margret Kahoun-Weber.
Was heißt das für unseren Nussknacker? Er ist ein kleines, unscheinbares Objekt. Doch in ihm stecken gleich mehrere Geschichten. Er erzählt von begrenzten finanziellen Möglichkeiten, von handwerklichem Geschick und Kreativität. Er zeigt, dass Menschen Gegenstände nicht einfach so benutzen müssen, wie es ursprünglich vorgesehen war. Und er verbindet eine ältere Praktik des Reparierens und Weiternutzens mit Fragen, die uns heute unter Begriffen wie Nachhaltigkeit und Upcycling erneut – oder immernoch – beschäftigen.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass Upcycling auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten sein kann. Professionell hergestellte Produkte aus wiederverwendeten Materialien haben oft ihren Preis. Gleichzeitig wird Wiederverwendung gesellschaftlich unterschiedlich bewertet: Was als bewusste, nachhaltige Entscheidung Anerkennung findet, kann ganz anders wahrgenommen werden, wenn es aus finanzieller Notwendigkeit geschieht. Eine Tasche aus recyceltem Kunststoff gilt eher als schick und nachhaltig als eine alte Plastiktüte immer wieder zu verwenden, weil das Geld für eine neue Tasche fehlt.
Entgegen der Einschätzung mancher Senior*innen aus unserem Workshop wird auch heute noch repariert, weiterverwendet und umgenutzt. Verändert haben sich jedoch teilweise die Bedingungen, die Motivation und die gesellschaftliche Bedeutung dieser Praktiken.
Gerade deshalb sind alltägliche Zeugnisse wie der selbstgebaute Nussknacker für das Museum so spannend. Sie zeigen, dass unser Umgang mit Dingen schon immer von Veränderung und Anpassung geprägt war. Gegenstände haben nicht nur die Geschichte, die ihre Hersteller für sie vorgesehen haben. Sie bekommen durch die Menschen, die sie benutzen, reparieren und verändern, immer wieder neue Geschichten.
Abbildungsverzeichnis:
Beitragsbild & Abb. 2: Nussknacker Buttermesser. Schenkung Margret Kahoun-Weber. Foto: Landesmuseum Württemberg (CC-BY 4.0).
Abb. 1: Geflickter Bettbezug. Landesmuseum Württemberg, Hendrik Zwietasch (CC BY-SA 4.0).
