Guck mal! Depotlieblinge – Teil 3: Das Aquamanile in Gestalt eines Drachens

Ein besonderes Gießgefäß und was es über kulturelle Bräuche erzählen kann

Die Volontär*innen-Ausstellung „Guck mal! Depotlieblinge“ stellt Lieblingsobjekte von Museumsmitarbeitenden vor. Aus der Abteilung Kunst- und Kulturgeschichte wurde ein Aquamanile in Gestalt eines Drachens ausgewählt. Dabei handelt es sich um den „Depotliebling“ von Dr. Ingrid-Sibylle Hoffmann, Kuratorin für Kunst und Kunsthandwerk des Mittelalters sowie der Sammlung Dursch im Dominikanermuseum Rottweil.

Ein goldfarbenes Objekt vor einem schwarzen Hintergrund. Das Objekt hat eine Tierform, die wie ein Drache und ein Pfau aussieht. Zwischen dem Kopf und dem Schwanz des Tieres befindet sich ein runter Henkel. Unten hat es kleine pfotenartige Beine.

Abb. 1: Das Aquamanile in Gestalt eines Drachens

 

Was genau ist hier zu sehen?

Ein Aquamanile ist ein Gießgefäß zur rituellen Handwaschung, das bei liturgischen Handlungen, also im Kontext eines christlichen Gottesdienstes, verwendet wurde. Dieser Brauch hat seinen Ursprung im islamischen Raum und fand im 12. Jahrhundert seinen Weg ins christliche Europa, wo er zunächst im kirchlichen, später aber auch im weltlichen Kontext, etwa zum Händewaschen vor dem Essen, übernommen wurde. Die Bezeichnung „Aquamanile“ leitet sich aus dem Lateinischen von aqua für Wasser und manus für Hand ab. Als Gegenstück zum Gießgefäß diente jeweils ein Becken oder eine Schale, um das Waschwasser aufzufangen. Traditionell wurden diese meist aus Bronze oder Keramik gefertigten Gefäße kunstvoll in Mensch- oder Tierform gestaltet.

Ein Regalbrett in einem Holzschrank, auf dem mehrere Tierfiguren nebeneinander stehen. Alle Figuren stehen so, dass sie aus dem Schrank herausblicken. Die Figuren sind unterschiedlich groß und haben eine löwenförmige Gestalt. Rechts steht die kleinste Tierfigur, die wie ein Drache und ein Pfau aussieht.

Abb. 2: Verschiedene Aquamanile – darunter der „Depotliebling“ – im Depot des Landesmuseums.

 

Das für die Volontär*innen-Ausstellung ausgewählte Aquamanile gehört zu den frühesten Vertreterinnen solcher zoomorphen (also in Mensch- oder Tierform gearbeiteten) Gießgefäße. Das bauchige Gefäß mit kurzen Beinen, flachen Ohren und einer überraschenden Ähnlichkeit zu einem Vogel stellt einen sogenannten Senmurv, einen Pfauendrachen aus der altiranischen Mythologie, dar. Er wurde in der islamischen und byzantinischen Kunst übernommen (zum Vergleich sei hier auf eine Darstellung aus dem British Museum verwiesen). Senmurven wurden traditionell mit Wasser, aber auch mit Schutz und Glück in Verbindung gebracht. Der geschwungene Hals und die schnabelförmige Schnauze des Aquamaniles dienten dabei als Ausguss, der senkrechte Schweif als Einguss, ein rankenförmiger Bogen zwischen Rücken, Schwanz und Kopf als Henkel.

Ein goldfarbenes Objekt vor einem schwarzen Hintergrund. Das Objekt hat eine Tierform, die wie ein Drache und ein Pfau aussieht. Es wurde von hinten fotografiert, sodass man den Schwanz des Tieres sehen kann.

Abb. 3: Blick auf die Einfüllöffnung am Schweif des Aquamaniles

 

Welche Geschichte steckt dahinter?

Das Stuttgarter Aquamanile wurde im 12. Jahrhundert im Maasgebiet, im Raum des heutigen Belgien und angrenzender Regionen (Bistum Lüttich) hergestellt. Aufgrund seiner geringen Größe diente es wohl – als eines der frühesten erhaltenen Exemplare – für den christlichen Gottesdienst. Noch heute zeugen die ornamentalen Gravuren und die durch Vergoldung und Silbertauschierungen erreichte Mehrfarbigkeit der kleinformatigen Bronzekanne davon, dass seine Vorläufer in der sassanidischen und islamischen Kunst und Kultur liegen. Die Inspiration durch ein altiranisches und später islamisch geprägtes Motiv sowie die Technik des Bronzegusses und der mehrfarbigen Verzierungen lassen auf Kontakte zwischen christlichen und muslimischen Handwerkern schließen.

Detailaufnahme eines goldfarbenen Objektes. Ein kreisförmiger Bereich ist in kleine Quadrate aufgeteilt. In den Quadraten befinden sich blumenförmige Muster.

Abb. 4: Ornamentale Gravuren am Flügel des Senmurv

 

In welcher Kirche das Aquamanile ursprünglich eingesetzt wurde, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Auf unbekanntem Weg gelangte es nach Bayern und befand sich in nachmittelalterlicher Zeit in den herzoglich bayerischen Sammlungen. 1859 wurde es aus dem Antiquarium der Münchner Residenz an das neu gegründete Bayerische Nationalmuseum übergeben. Knapp 100 Jahre später, im Jahr 1951, gelangte das Aquamanile zusammen mit anderen Werken im Tausch aus dem Besitz des Bayerischen Nationalmuseums an die Münchner Kunsthandlung Otto Bernheimer. 1960 wurde es aus dessen Nachlass auf einer Auktion mit Unterstützung der Gesellschaft zur Förderung des Württembergischen Landesmuseums e. V. für das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart ersteigert.

 

Warum ist es ein „Depotliebling“?

Ihren Vorschlag des Aquamaniles begründete Dr. Ingrid-Sibylle Hoffmann damit, dass nicht nur die Form, sondern auch die Ornamente und die Mehrfarbigkeit ihre Wurzeln im islamischen Raum hätten und dieses Objekt somit den Austausch zwischen islamisch und christlich geprägter Welt im Mittelalter belege.

„Im Hochmittelalter lassen sich vielfache Verflechtungen von christlich und islamisch geprägten Kulturen beobachten. Neben Konflikten wie den Kreuzzügen gab es über das gesamte Mittelalter hinweg intensive Handelsbeziehungen und einen Austausch im Kunstschaffen und in der Wissenschaft“, so Hoffmann. „Diese kulturellen Bezüge überraschen viele Menschen – deshalb bin ich glücklich, dass wir das Objekt hier präsentieren.“

Eine junge Frau, die einen weißen Schutzanzug und blaue Handschuhe trägt, steht an einem Tisch. Sie hält ein kleines goldfarbenes Objekt in Form eines Tieres in der Hand. Im Hintergrund stehen viele graue Metallschränke, auf denen sich braune Pappkartons befinden.

Abb. 5: Volontärin Helen Kapeller präsentiert das Aquamanile im Depot. Dafür trägt sie spezielle Schutzkleidung.

 

Doch warum ist der Depotfund trotz seiner Bedeutung dann nicht in der Schausammlung zu sehen? Wie bereits im Blogbeitrag zum Konzept der Ausstellung erwähnt, gilt es bei der Konzeption einer (Dauer-)Ausstellung immer auch, eine passende Objektauswahl zu treffen.
Dr. Ingrid-Sibylle Hoffmann erklärt: „Bei der Konzeption des Rundganges ‚LegendäreMeisterWerke – Kulturgeschichte(n) aus Württemberg‘ wurde festgelegt, dass die ausgestellten Objekte zwingend einen Württemberg-Bezug haben müssen. Einen solchen regionalen Bezug können wir für das Aquamanile allerdings nicht belegen und damit war das außergewöhnliche Objekt leider raus.“ Sie fügt hinzu: „Da es sich um ein wirklich außergewöhnliches und kulturhistorisch und künstlerisch hochinteressantes Objekt handelt, ist es super schön, dass es mal wieder gezeigt werden wird.“

Ein Rollwagen aus Holz mit einem blauen Griff steht in einem Flur. An den Seiten des Flures befinden sich Holzschränke mit Glastüren. Auf dem Rollwagen steht ein kleines, tierförmiges Objekt.

Abb. 6: Das Aquamanile macht sich auf den Weg in die Ausstellung „Depotlieblinge“.

 

Was ist der Bezug zu heute?

Noch heute werden rituelle Handwaschungen praktiziert, etwa im Islam zur Vorbereitung auf ein Gebet (Wudū‚), im Judentum vor dem Essen einer Mahlzeit (Netilat Jadajim) oder im profanen Kontext bei rituellen Waschungen (ḥammām). Auch wenn diese Rituale oft hygienische Gründe haben, ist die Handlung eng mit der Psyche verknüpft und kann emotional oder spirituell als reinigend empfunden werden.

Darüber hinaus ist Händewaschen als Routine schon lange fest in unserem Alltag verankert. Es ist eng mit Hygiene, Körperpflege und Gesundheit verbunden und wird sogar in Kinderliedern thematisiert. Spätestens seit der Corona-Pandemie ist das Händewaschen zum Schutz vor Keimen für viele Menschen zu einem wichtigen Bestandteil des Alltags geworden. Nicht-Waschen wird hingegen oft mit Skepsis und Ablehnung begegnet.

Zwar bezieht sich all dies nicht auf rituelle und religiöse Handwaschungen mittels kultureller Gießgefäße, es zeigt jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der Händewaschen auch im täglichen Leben der meisten Menschen etabliert ist. Es ist zu einem normalisierten Prozess geworden, der meist unhinterfragt abläuft.

Ein zweiter Blick auf das Aquamanile lohnt sich also, um die alltäglichen und kulturellen Zusammenhänge zu verstehen. Ab dem 15. September 2026 ist es in der Ausstellung „Guck mal! Depotlieblinge“ im Foyer des 2. Obergeschosses des Landesmuseums zu sehen.

 

Literatur- und Quellenverzeichnis

 

Abbildungsnachweise und Nutzungsbedingungen

Beitragsbild: Landesmuseum Württemberg, Carolin Kunzi (CC BY 4.0).
Abb. 1: Aquamanile in Gestalt eines Drachen, ca. 1120, Bronze mit Resten von Vergoldung, Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt (CC BY 4.0), WLM 1960-350.
Abb. 2: Landesmuseum Württemberg, Carolin Kunzi (CC BY 4.0).
Abb. 3: Aquamanile in Gestalt eines Drachen (Ansicht von hinten), Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt (CC BY 4.0), WLM 1960-350.
Abb. 4: Aquamanile in Gestalt eines Drachen (Detailansicht), Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt (CC BY 4.0), WLM 1960-350.
Abb. 5: Landesmuseum Württemberg, Carolin Kunzi (CC BY 4.0).
Abb. 6: Landesmuseum Württemberg, Carolin Kunzi (CC BY 4.0).

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