Was haben Shakespeare und Gelsenkirchen gemeinsam?

Richtig, Taylor Swift! 2024 spielte die Sängerin im Rahmen ihrer internationalen „Eras Tour“ auch drei Shows in Deutschland – unter anderem auch in Gelsenkirchen. Die Stadt nahm das Mega-Event zum Anlass, sich einen neuen Namen zu geben und hierzu auch neue Ortsschilder designen zu lassen: Gelsenkirchen wurde zu „Swiftkirchen“.
Im Oktober 2025 erschien Swifts neues Album – und im Musikvideo zum Song „The Fate of Ophelia“ inszeniert sich die Sängerin wie in einem Bild des Künstlers Theodor Heyser, welches im Museum Wiesbaden ausgestellt ist. Es zeigt die sterbende Ophelia aus Shakespeares Theaterstück Hamlet in einem Teich. Seitdem besuchen Fans das Museum, um das Gemälde vor Ort zu erleben. Für „Swifties“ (so nennen sich Taylor Swift Fans selbst) wurde daraufhin sogar ein besonderes Angebot im Museum konzipiert. Es gibt zum Beispiel eine Selfie-Ecke und eine Schnitzeljagd mit Gewinnspiel durch das Museum. Im Rahmen einer Veranstaltung gab es auch einen Vortrag über das Gemälde.
Sowohl die Stadt Gelsenkirchen, als auch das Museum Wiesbaden haben die Begeisterung der Fans, den Ansturm auf die Tour und das neue Album gesehen und einen Weg gefunden, diesen für sich zu nutzen. Und dabei bleibt es nicht.

Die Fans und ihre Sichtbarkeit

Kleine, schwarze Tasche mit einem gelben Aufdruck, der ein zur Hälfte angeschnittenes Ortsschild, dekorative Elemente und ein Gesicht darstellt.

Abb. 1: Die „Swiftkirchen“-Handytasche mit Aufdruck

Nach den Konzerten fertigten Mitarbeiter*innen in sozialen Einrichtungen im Rahmen eines Upcycling-Projektes aus Deko-Materialien Handytaschen und Kulturbeutel, die anschließend von Fans erworben werden konnten. Die hier abgebildete Tasche ist eine davon. Sie zeigt die Hälfte eines der „Swiftkirchen“-Ortsschilder, die die Stadt Gelsenkirchen in Auftrag gab.

Ein Etikett mit der Aufschrift „Ich bin Teil des Upcyclingprojektes zu Swiftkirchen“.

Abb. 2: Das Etikett der Tasche

Das Besondere ist hier aber nicht nur, dass Akteur*innen und Institutionen in Gelsenkirchen und Wiesbaden mitmischen wollen. Überall kreieren Menschen zu Medien, Musiker*innen und vielem mehr ihren eigenen Content oder ihr eigenes Merchandise. Im Falle von Swift sind das Herstellen und Tauschen von Armbändern wichtige Aktivitäten unter den Fans. Viele haben eine parasoziale Beziehung zu Taylor Swift aufgebaut und ihre Musik begleitet sie teilweise schon ihr ganzes Leben lang. Das Fan-sein verbindet Menschen verschiedener Lebenswelten miteinander und kreiert ein Zugehörigkeitsgefühl. „Swifties“ basteln, teilen online ihre Projekte und posten Theorien über die übergeordnete „Lore“ der Alben. Das Ausmaß der Begeisterung ist auch physisch messbar: in einigen Orten wurden bei Konzerten der „Eras Tour“ seismographische Ausschläge verzeichnet – „Swifties haben ein Erdbeben ausgelöst!“

So wurde aus einer viel im Internet stattfindenden Fan Community ein globales Phänomen, das auch die Aufmerksamkeit der klassischen Medien und alteingesessenen Kulturschaffenden auf sich zog. Die Begeisterung für Taylor Swift war schon lange da – doch jetzt wird sie für alle deutlich sichtbar. Die Fankultur hat durch den von der Tour ausgelösten Hype neuen Aufwind bekommen, der auch für Nicht-Fans spürbar ist.
Für uns als Museum ist dabei auch die Frage interessant, wer unter den Fans besonders mitmischt. Der Content, den „Swifties“ in sozialen Medien posten, zeigt, dass es sich bei Swifts Fangemeinde um eine Gruppe handelt, in der sich überwiegend junge Frauen und Queers aufhalten und einbringen. Taylor Swift hatte sich in der Vergangenheit mehrfach mit der LGBTQIA+ Community solidarisiert und deren Anliegen mehr Gehör verschafft. Deshalb bietet das gemeinsame Fan-sein auch einen Safer Space zum Austauschen und Vernetzen mit Gleichgesinnten. Durch Swift nehmen ihre Interessen öffentlich Raum ein.
Das Stadtmarketing Gelsenkirchen und das Museum Wiesbaden berücksichtigt – ja macht sogar Angebote FÜR eine Gruppe, die vor Jahren noch deutlich weniger im Fokus stand: Junge Frauen und Queers.

Hass, Kritik und Politik

Obwohl die Fans anfangs viel belächelt, nicht ernst genommen oder gar offen gehasst wurden – der Erfolg von Taylor Swifts Musik und Person ist nicht von der Hand zu weisen. Dass besonders feminin konnotierte Interessen und weiblich oder queer dominierte Fandoms Hass ausgesetzt sind, ist übrigens kein neues Phänomen. In den späten 2000er Jahren erfreute sich die „Twilight“-Reihe von Stephanie Meyer großer Beliebtheit. Sowohl die Bücher als auch die anschließenden Verfilmungen gewannen eine große Menge junger, überwiegend weiblicher Fans für sich. In anderen Filmen und Serien, in denen Vampire vorkamen, ließ sich in den Folgejahren das Bedürfnis beobachten, sich von Meyers Vampir-Geschichte abzugrenzen. Über die Fans machte man sich lustig und reduzierte sie darauf, „hysterische Teenager“ zu sein. Misogyne Stereotype, die weibliche Fans degradieren, gibt es also immer wieder.
Allerdings gibt es auch Kritik an Swift, die nicht auf Frauenfeindlichkeit basiert. Auch Personen, die ihre Musik mögen, stehen der Sängerin nicht unkritisch gegenüber. Seien es Taylor Swifts viele Flüge im eigenen Jet oder dass sie sich in den Augen mancher nicht ausreichend politisch positioniere – das Private ist auch hier politisch. Immer häufiger werden unpolitische Fan Communities durch das Internet im Sinne einer bestimmten Position mobilisiert. Beispielsweise animierte Swift ihre Fans dazu, sich für die US-Wahlen 2024 registrieren zu lassen. Das Phänomen beschränkt sich dabei nicht auf „Swifties“. 2020 kauften Fans der koreanischen Popband BTS Tickets für eine Rallye von Donald Trump – ohne jede Absicht diese zu besuchen. Fans vereinen sich nicht mehr nur in der Absicht, ein neues Album in den Charts nach oben zu bringen, sie teilen vereinzelt auch politische Ansichten.

Eine weitere Dimension des Hypes: Taylor Swift hat ihren Namen rechtlich schützen lassen, den Begriff „Swifties“ übrigens auch. Wenn Fans für sich und für einander Armbänder fertigen, sind sie davon nicht betroffen. Doch Taylor Swift ist nicht mehr nur eine Popsängerin, die Kunst machen will, sondern längst eine eingetragene, lukrative und mächtige Marke. Die hier gezeigte Tasche steht also nicht nur für die Verbreitung von Fankultur. Sie lässt auch die Frage danach zu, wer in welcher Form daran teilhaben und von Fans profitieren darf.

Fankultur hat unseren Alltag durchdrungen, findet sich an jeder Ecke und kommt auch dort an, wo wir es vielleicht weniger vermutet hätten.

Die Handytasche kann ab 25. Februar 2026 in unserer Neuzugangsvitrine im Museum der Alltagskultur im Schloss Waldenbuch bestaunt werden.

Abbildungsnachweis und Nutzungsbedingungen

Alle Abbildungen: Stadt Gelsenkirchen, Design: Uwe Gelesch, Foto: Landesmuseum Württemberg, Bildarchiv, Urheberrechtsschutz (InC)

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