Klein, aber oho!

Diese Woche ist in die Schausammlung LegendäreMeisterWerke ein neu restauriertes Miniaturmöbel aus der Sammlung Rothschild eingezogen. Doch wie kam das gute Stück überhaupt zu uns?

Mitte des 19. Jahrhunderts betrat die erste Generation moderner Sammler die Bühne des Kunstmarktes, zu der auch die weitverzweigte Bankiersfamilie Rothschild gehörte. Eine Objektgruppe schien viele Familienmitglieder zu begeistern: feine Objekte aus Schildpatt mit Perlmutt- und Metalleinlagen und -auflagen.

Berühmt für ihren exquisiten Geschmack…

waren die Sammler*innen der Familie. Dies bewiesen sie auch in den Bereichen des Limoger Emails, italienischer Majolika oder Gold- und Silberschmiedearbeiten der deutschen Renaissance, welche sie in ihre Sammlungen integrierten. So wählten sie herausragende Spitzenwerke verschiedener Stile und Epochen aus, die sie in Nebeneinanderstellungen zusammenführten und so in die Nachfolge von fürstlichen Sammlungen traten.

Wer war die Vorbesitzerin?

Der Miniaturschrank stammt aus dem Besitz der Frankfurter Mäzenin und Sammlerin Hannah Mathilde von Rothschild. Nach ihrem Tod gelangte es in den Frankfurter Kunsthandel, aus dem es als Neuerwerbung für eine Ausstellung zum Thema „Perlmutt“ vom damaligen Direktor des württembergischen Landesgewerbemuseums, Gustav Pazaurek (1865-1935), angekauft wurde. Viele Verlagerungen und sicher auch kriegsbedingte Auslagerungen hatten dem Kleinmöbel, das eventuell auch als Schmuckkassette genutzt wurde, stark zugesetzt: Einige Auflagen waren abgefallen, Verschmutzungen und andere Schäden ließen eine Ausstellung nicht zu.

Glück gehabt…

denke ich oft, wenn sich Absolvent*innen des Studienganges Konservierung und Restaurierung von Kulturgütern an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart (abk) auf die Suche nach einem anspruchsvollen Objekt machen, an dem sie ihre Abschlussarbeiten durchführen möchten. So begab sich auch Anna Straeter im Frühjahr 2017 auf der Suche nach einem Objekt für ihre Masterthesis in unsere Depots.

Vier Salzschalen, Nürnberg, Anfang 17. Jahrhundert

Dass sie hier wunderbare Objekte finden könnte war ihr bewusst, hatte sie doch im Zuge der Neuaufstellung der Kunstkammer der Herzöge von Württemberg für eine Semesterarbeit einen Satz Salzgefäße mit Perlmuttplättchen restauriert und ausführlich dokumentiert. Ihr Interesse an diesem Material hatte sich daher vertieft und so suchte Anna Straeter nun gezielt nach Objekten mit Perlmutt. Auch der Aspekt der Materialvielfalt und -kombination war ihr wichtig: Der Miniaturschrank war da das geeignete Objekt!

Reingeschmuggelt

Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen, der Schrank erstrahlte wieder in alter Schönheit – meine Begeisterung war riesengroß und natürlich wollte ich sie teilen.

der Schrank mit geöffnetem Oberteil

Aber wie bekommt man so ein Objekt noch nachträglich in eine fertige Ausstellung? Schließlich sind mit den Neukonzeptionen unseres Hauses in den letzten Jahren alle Sammlungsbereiche in zeitgemäße Präsentationen gebracht worden.

Bereits bei der Einrichtung der LegendärenMeisterWerke durfte ich den Bereich zum 19. Jahrhundert konzipieren. Dort widmete ich einen Abschnitt dem Zusammenwirken von Kunstgewerbeschule (heute abk), Landesgewerbemuseum (heute Teil der Sammlungen der Landesmuseen in Stuttgart und Karlsruhe) und  Wirtschaft im „Zug der Zeit“. Dieser bietet als Raumbild der Epoche in seinen stilisierten Abteilen Einblicke in verschiedene gesellschaftliche Gruppen und Klassen.

In guter Gesellschaft

Im ehemaligen Landesgewerbemuseum wurden Vorbilder für die Produktionen der Industrie für Gebrauchsgüter gesammelt und das neu restaurierte Schränkchen sollte als Beispiel für den Einsatz von Perlmutt als Dekorationselement dienen. Daher bot es sich an, das Objekt in den „Güterwaggon“ im 2. Obergeschoss des Alten Schlosses einziehen zu lassen. Dort leistet es nun anderen Miniaturmöbeln aus Elfenbein sowie glänzenden Silbergeschirren aus württembergischer Produktion Gesellschaft.
Darüber hinaus ist es ein Zeugnis für alte und neue Kooperationen zwischen Museum und Akademie, für die ich allen Beteiligten sehr dankbar bin.

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