Ein 80-jähriger cold case? Nein: ganz heiße Spuren! Neues vom Päckchen aus den USA

Vor einiger Zeit haben wir Euch über ein Päckchen mit „paintings and medals“ informiert, das uns aus den USA erreichte. In diesem Päckchen (Abb. 1) befanden sich 33 Objekte: Miniaturgemälde, Orden und Medaillen. Sie waren angeblich von einem amerikanischen Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs aus einem Stuttgarter Museum mitgenommen worden.

Ein an das Landesmuseum Württemberg adressiertes Päckchen mit Poststempeln aus den USA.

Abb. 1: Das Päckchen aus den USA.

 

 

 

 

 

 

 

Kontakt nach Bayern

Als wir diese Objekte näher untersucht haben, kamen uns größere Zweifel an dieser Information: Es gibt kaum Bezüge nach Württemberg, aber sehr enge nach Bayern: Die Miniaturgemälde und Medaillen zeigen bayerische Könige und Soldaten, die Orden stammen aus dem Königreich Bayern.

Wir haben uns deshalb an einige bayerische Museen gewandt – und gleich unsere erste Anfrage beim Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt sollte sich als die richtige erweisen!

Neue Entwicklungen – und eine neue Autorin in unserem Blog

Deshalb gibt es neue Entwicklungen in diesem Fall, über die wir heute berichten. Und wir freuen uns sehr, dass wir für diesen Blog-Beitrag eine Gastautorin gewinnen konnten: Dr. Priscilla Pfannmüller, die am Bayerischen Armeemuseum unter anderem die Sammlungsbestände Gemälde, Grafik, Skulptur und Artillerie sowie die Dokumentation betreut. Sie hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der Geschichte des Armeemuseums auseinandergesetzt und konnte uns schnell weiterhelfen.

Das Bayerische Armeemuseum

Das Bayerische Armeemuseum wurde 1879 von König Ludwig II. in München begründet. Bis zu seiner Auflösung 1945 war das Museum am Münchner Hofgarten in der heutigen Staatskanzlei untergebracht. Mit der Neugründung 1972 zog das Armeemuseum in das Neue Schloss nach Ingolstadt (Abb. 2). Heute besteht das Armeemuseum aus drei Häusern: Dem Armeemuseum, das die Zeit vom Spätmittelalter bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges umfasst, das Museum des Ersten Weltkriegs im Reduit Tilly sowie das Bayerische Polizeimuseum im Turm Triva.

Großes Gebäude mit Türmchen, weißer Fassade und braun-rotem Dach vor blauem Himmel und Sonnenschein.

Abb. 2: Das Neue Schloss in Ingolstadt, Sitz des Bayerischen Armeemuseums.

 

Inventarnummern helfen sehr

Sehr hilfreich waren bei den Recherchen die Informationen, die einige der Objekte tragen: Auf den Rückseiten der Miniaturgemälde finden sich Inventarnummern. Diese Nummern konnten mit den analogen Unterlagen abgeglichen werden, mit den Inventar- und Zugangsbüchern.

So trägt das Miniaturporträt eines Oberleutnants des 8. Königlich Bayerischen Infanterieregiments (Abb. 3) seiner Rückseite die Nummer (B) 759 (Abb. 4).

 

Gezeichnetes Bild eines Mannes in Uniform, das von einem goldenen, ovalen Bilderrahmen umrahmt ist.

Abb. 3: Vorderseite des Miniaturporträts.

Auf der Rückseite des Bilderrahmens befinden sich zwei rechteckige Schildchen mit Nummern.

Abb. 4: Rückseite des Miniaturporträts.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Nummer findet sich im Inventar- wie im Zugangsbuch des Bayerischen Armeemuseums (Abb. 5). Dem Zugangsbuch ist zu entnehmen, dass das Gemälde im Jahr 1905 in die Sammlung kam.

Eine Zeile geschwungener Schrift in einer Tabelle auf gelblichem Papier.

Abb. 5: Das Miniaturporträt im Zugangsbuch des Bayerischen Armeemuseums.

Und das Inventarbuch informiert, dass das Gemälde „1944 zu Verlust“ kam.

Mehrere Zeilen geschwungener Schrift in einer Tabelle auf gelblichem Papier, die erste davon mit Rot durchgestrichen.

Abb. 6: Das Miniaturporträt im Inventarbuch des Bayerischen Armeemuseums.

 

 

 

 

 

Der 80-jährige cold case steht also vor seiner Lösung!

Doch was ist damals passiert?

Ab Oktober 1942 wurde das Armeemuseum in München schrittweise evakuiert.

Farbzeichnung: Großes weißes Gebäude mit grüner Kuppel, davor grüne Wiese und Bäume am linken und rechten Bildrand.

Abb. 7: Das alte Armeemuseum um 1910 am Hofgarten in München.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Sammlungsbestände wurden unter anderem nach Schloss Isareck, das zwischen Freising und Landshut liegt, ausgelagert. Fein säuberlich wurden die Objekte in Kisten verpackt und Listen geschrieben, in welcher Kiste was verpackt wurde.

Der vermeintlich sichere Auslagerungsort entpuppte sich zu Kriegsende jedoch als fatal: Schloss Isareck wurde geplündert. Aus Briefen von Museumsmitarbeitern geht hervor, dass „Insassen des Gefang. Lagers Moosburg oder Ortseinwohner, zum anderen Teil Andenken sammelnde amerikanische Soldaten“ die Schlosstüren gewaltsam öffneten und die eingelagerten Kisten ausräumten. Ehemalige Kriegsgefangene veranstalteten sogar Umzüge durch das benachbarte Moosburg, wo sie Uniformen, Fahnen und anderes aus Schloss Isareck zur Schau stellten. Die Situation im Herbst 1945 sowie in den Folgejahren war für die verbliebenen Museumsmitarbeiter extrem unübersichtlich. Bis in die späten 1940er Jahre bemühte man sich, einen Überblick über die (verlorenen) Sammlungen zu verschaffen und arbeitete mit Zeitungen und Polizei zusammen, um Geraubtes wiederzufinden – oftmals vergebens.

Kupferstich: Ein Schloss mit einem Turm im Hintergrund, im Vordergrund mehrere Häuser und viele Bäume.

Abb. 8: Michael Wening, Schloss Isareck, Kupferstich, 1723.

 

 

Von Stuttgart nach Moosburg

Mit diesem Hintergrund konnten wir die Geschichte des Päckchens etwas korrigieren: In dem Brief berichtete der unbekannte Absender, sein Freund sei im Frühjahr 1945 mit seinem Flugzeug abgeschossen und inhaftiert worden.

Nach der Befreiung habe er sich in einem Stuttgarter Museum „Sovenirs“ in die Taschen gestopft. Das Gefängnis war wohl nicht in Stuttgart, sondern in Moosburg – 250 km weiter östlich. Dass die Soldaten nach ihrer Befreiung durch die Dörfer und Städte zogen, wissen wir aus Zeitzeugenberichten. Und dass dem Unbekannten Schloss Isareck wie ein Museum vorkommen musste, ist kein Wunder! Überall müssen sich die Kisten mit Museumsgut gestapelt haben.

Schwarz-weiß-Fotografie eines Schildes mit der Aufschrift „Kriegsgefangenen - Mannschafts Stammlager VII A“.

Abb. 9: Das Kriegsgefangenenlager in Moosburg.

 

 

Ende gut, alles gut?

Was bis jetzt klingt wie eine märchenhafte Story, ist im Hintergrund mit viel Recherche verbunden. Denn was macht man, wenn auf einem Objekt keine Inventarnummer mehr zu finden ist? Man versucht, das Objekt so detailliert wie möglich zu beschreiben und dann im digitalen Inventar mit Schlagwörtern zu finden. Im Idealfall findet sich dann nur ein Objekt, bei dem die Beschreibung passt. Im schlechtesten Fall sind es mehrere.

Bei den Objekten, die in dem Päckchen aus den USA enthalten waren, gab es beide Fälle. Doch auch das Problem mehrerer gleicher Objekte konnte (fast) vollständig gelöst werden: Die Objekte mit einer Inventarnummer waren im Armeemuseum alle im gleichen Saal, Saal XIX ausgestellt. Und einige der Objekte, die keine Inventarnummer trugen, hatten die gleichen roten textilen Reste auf der Unterseite kleben (Abb. 10) – es erschien also wahrscheinlich, dass ein gewisser Teil der Objekte gemeinsam in einer Vitrine in Saal XIX ausgestellt war.

Runde Medaille mit umlaufender Aufschrift und roten Textilresten in der Mitte.

Abb. 10: Rückseite einer Medaille König Ludwigs I. mit roten Textilresten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Damit hatte ich, Priscilla Pfannmüller, einen weiteren Anhaltspunkt für die Identifikation und konnte bei gleichen Objekten in den Inventarkarten nachschauen: denn auf diesen Karten wurde früher der Standort vermerkt. Und siehe da: Einige Medaillen ohne Inventarnummer konnten plötzlich mit einer solchen versehen werden.

Und wie geht es nun weiter? Darüber werden wir Euch in unserem Blog natürlich informieren!

Abbildungsnachweis und Nutzungsbedingungen

Abb. 1: Päckchen aus den USA, Landesmuseum Württemberg, Foto: Chris Gebel (CC BY-SA 4.0).
Abb. 2: Bayerisches Armeemuseum, Ingolstadt, Foto: Erich Reisinger (CC BY-SA 4.0).
Abb. 3: Vorderseite des Miniaturporträts, Landesmuseum Württemberg, Foto: Jonathan Leliveldt (CC BY-SA 4.0).
Abb. 4:  Rückseite des Miniaturporträts, Landesmuseum Württemberg, Foto: Jonathan Leliveldt (CC BY-SA 4.0).
Abb. 5: Das Miniaturporträt im Zugangsbuch des Bayerischen Armeemuseums, Bayerisches Armeemuseum (CC BY-SA 4.0)
Abb. 6: Das Miniaturporträt im Inventarbuch des Bayerischen Armeemuseums, Bayerisches Armeemuseum (CC BY-SA 4.0)
Abb. 7: Das alte Armeemuseum um 1910 am Hofgarten in München, Bayerisches Armeemuseum (CC BY-SA 4.0)
Abb. 8: Michael Wening, Schloss Isareck, Kupferstich, 1723, Graphiksammlung des Archivs des Erzbistums München und Freising (CC BY-NC-SA 4.0)
Abb. 9: Lagereingang, Foto: K.A. Bauer (Urheberrechtsschutz InC), abgerufen unter: Stalag Moosburg e.V (Stand 02.02.2026).
Abb. 10: Rückseite einer Medaille König Ludwigs I. mit roten Textilresten, Landesmuseum Württemberg (CC BY-SA 4.0).

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