Lieder begleiten Menschen seit Jahrhunderten – beim Arbeiten, Feiern, Reisen oder Trauern. Sie erzählen von Liebe und Verlust, von Hoffnung, Heimat und Widerstand. Die Landesstelle für Alltagskultur am Landesmuseum Württemberg in Stuttgart bewahrt mit ihrer umfangreichen Liedsammlung einen einzigartigen Zugang zu diesen Stimmen der Vergangenheit und eröffnet gleichzeitig überraschende Bezüge zur Gegenwart.
Ein Archiv voller Geschichten
Wer einen Blick in die Sammlung wirft, begegnet keinem Notenarchiv im klassischen Sinn, sondern einem vielschichtigen kulturellen Gedächtnis: über 22.000 Liedbelege, gesammelt, notiert und archiviert auf kleinen Zetteln.
Die Texte handeln von Liebe und Abschied, von Arbeit, Natur und Heimat – aber auch von Armut, Migration oder Krieg. Es sind Momentaufnahmen des Alltags, festgehalten in Versen und Melodien.
„Aus dem Munde des Volkes“
Die Anfänge der Sammlung reichen zurück ins Jahr 1923, als mit der Gründung der Landesstelle für Volkskunde (heute Landesstelle für Alltagskultur) in Stuttgart auch ein Liedarchiv aufgebaut wurde. Ziel war es, Lieder zu dokumentieren, die über Generationen mündlich weitergegeben wurden.
Ein Netzwerk engagierter Sammler*innen – oft Privatpersonen – trug diese Lieder zusammen. Sie wurden notiert, geordnet und wissenschaftlich erschlossen. Viele stammen direkt „aus dem Munde des Volkes“, wie es damals hieß.
So entstand ein einzigartiger Bestand regionaler Überlieferungen aus Württemberg und darüber hinaus.
Warum überhaupt Lieder sammeln?

Abb. 1: Deckblatt, „Des Knaben Wunderhorn“, 1808 (Nachdruck 1926)
Die Idee, Volkslieder zu sammeln, ist älter als das Archiv selbst. Schon um 1800 sah man in ihnen einen besonders „authentischen“ Ausdruck kultureller Identität. Dichter wie Achim von Arnim und Clemens Brentano reisten durchs Land, um Lieder aufzuschreiben und zu bewahren.
Dabei ging es nicht nur ums Dokumentieren – sondern auch um Deutung: Lieder wurden als Spiegel eines vermeintlich einheitlichen „Volkes“ verstanden. Heute wissen wir, dass diese Vorstellung stark von den Ideen ihrer Zeit geprägt war.
Was ein „Volkslied“ ausmacht
Typisch für diese Lieder ist ihre besondere Form der Überlieferung:
- Sie wurden mündlich weitergegeben
- Sie haben sich über die Zeit verändert
- Ihre Urheber sind meist unbekannt
- Sie sind einfach zu singen und leicht zu merken
- Gesungen wurden sie bei der Arbeit, auf Reisen, bei Festen oder im Familienkreis – überall dort, wo Menschen zusammenkamen.
Ein Begriff im Wandel
Heute wird der Begriff „Volkslied“ kritisch betrachtet. Besonders im 20. Jahrhundert wurde er ideologisch missbraucht – etwa im Nationalsozialismus, als Lieder gezielt politisch instrumentalisiert wurden.
In der heutigen Forschung versteht man „Volk“ nicht mehr als homogene Einheit, sondern als vielfältige Gesellschaft. Deshalb ist häufiger von „Liedern aus mündlicher Überlieferung“ oder „populären Liedern“ die Rede. Der Begriff „Volkslied“ bleibt dennoch als historischer Quellenbegriff relevant – und regt zur kritischen Auseinandersetzung an.
Im Museumskontext bedeutet das: Die Sammlung wird nicht nur bewahrt, sondern auch reflektiert und eingeordnet. Sie lädt dazu ein, Fragen zu stellen:
- Wer hat diese Lieder gesammelt – und warum?
- Welche Stimmen wurden gehört, welche vielleicht nicht?
- Und was sagen sie uns heute noch?
Themen, die verbinden

Abb. 2: Ein bekanntes Beispiel ist das „Heideröslein“ (1789/1827)
Beim Lesen und Hören fällt auf: Viele Themen sind zeitlos.
Liebe, Natur und Heimat prägen zahlreiche Lieder. Sie erzählen von Sehnsucht, von vertrauten Orten und von Beziehungen zwischen Menschen.
Andere Lieder greifen schwierige Lebenslagen auf: Armut, Hunger oder Auswanderung. Sie geben Einblick in Erfahrungen, die oft wenig dokumentiert sind – und gerade deshalb so wertvoll für die Forschung sind.
Lieder im Wandel der Zeit

Abb. 3: Volkslied „In Mueders Stübele“, Version von Walter Mossmann, 1975
Viele Lieder wurden aber auch verändert, umgedichtet oder parodiert wie etwa das Lied „In Mueders Stüble“, das im 19. Jahrhundert verbreitet war und in den 1970er-Jahren von der Umweltbewegung im Dreiländereck (Deutschland–Frankreich–Schweiz) als Protestlied gegen das Kernkraftwerk Wyhl umgedichtet wurde.
Daran wird sichtbar: Lieder können historische Quellen und zugleich politische Ausdrucksformen sein.
So zeigt sich: Was einst gesungen wurde, kann auch heute wieder an Bedeutung gewinnen.
Und heute?
Der Liedbestand der Landesstelle ist heute abgeschlossen – neue Sammlungen werden nicht mehr systematisch angelegt. Dennoch bleibt er eine wichtige Quelle für Forschung und Ausstellungen, für Fragen nach regionaler Identität und für den Blick auf kulturelle Praktiken des Alltags.
Auch das gemeinsame Singen lebt weiter – etwa in Chören, die als Teil des immateriellen Kulturerbes anerkannt sind.
Einladung zum Entdecken

Abb. 4: Zettelkatalog des Württembergischen Volksliedarchivs, 2018
Die Liedsammlung ist mehr als ein Archiv – sie ist eine Einladung, sich mit Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen und Fragen nachzugehen wie etwa nach den Liedern der Gegenwart, inwiefern prägen sie unser Leben heute? Oder: Welche Geschichten werden weitererzählt – und welche gehen verloren?
Ein Blick in die Sammlung der Landesstelle für Alltagskultur kann überraschende Antworten geben.
Eine Google Arts& Culture Präsentation gibt weitere Einblicke zum Thema, Sie finden sie hier.
Abbildungsnachweis und Nutzungsbedingungen
Titelbild: Universität Freiburg, ZPKM (Public Domain)
Abb. 1: Universität Freiburg, ZPKM (Public Domain)
Abb. 2: Universität Freiburg, ZPKM (Public Domain)
Abb. 3: Universität Freiburg, ZPKM (InC)
Abb. 4: Landesmuseum Württemberg, Landesstelle für Alltagskultur (CC-BY 4.0)
