Die Landesstelle für Alltagskultur ist Teil der Abteilung Populär- und Alltagskultur (PuA) am Landesmuseum Württemberg. Sie ist im Fruchtkasten am Schillerplatz untergebracht, wohin im Laufe des Jahres auch alle Büros der PuA umziehen sollen. Deshalb muss Platz geschaffen und aussortiert bzw. entsammelt werden – und zwar unter anderem in der Bibliothek, die derzeit überarbeitet wird.
Die Landesstelle für Alltagskultur und ihre Bibliothek
Die Landesstelle für Alltagskultur erforscht und dokumentiert das Alltagsleben im Südwesten aus einer historischen und gegenwartsorientierten Perspektive. Neben dem Archiv gibt es auch eine Präsenzbibliothek mit volkskundlich-kulturwissenschaftlicher Literatur. Ein Teil davon sind Ortsmonografien aus württembergischen Städten und Dörfern. Und genau dieser Bestand ist in den vergangenen Monaten im Hinblick auf den bevorstehenden Umzug der Büros überarbeitet worden.
Geschichte und Gegenwart: Ortsmonografien
Ortsmonografien, Heimatbücher oder Ortschroniken sind Darstellungen der Geschichte und Gegenwart einzelner Städte, Dörfer oder Landkreise. Als Vorgänger gelten die württembergischen Oberamtsbeschreibungen aus dem 19. Jahrhundert. Das „königlich-topographische Bureau“ veröffentlichte von 1824 bis 1930 insgesamt 75 Oberamtsbeschreibungen. Darin wurde neben statistischen Angaben zur Bevölkerung und zu geografischen Begebenheiten auch die Geschichte der Oberamtsgebiete beschrieben.
Besonders seit den 1990er Jahren nahm die Zahl an professionellen Ortsbeschreibungen durch Kreis- und Stadtarchive wieder zu. Aber auch die volkskundlich-kulturwissenschaftliche Forschung der 1970er Jahre beschäftigte sich mit gesellschaftlichen und politischen Aspekten von Orten. Ein Beispiel für eine wissenschaftliche Ortsmonografie ist Utz Jeggles Studie zu Kiebingen, einem Ortsteil von Rottenburg im Landkreis Tübingen.
Ein großer Teil der Publikationen wurde und wird jedoch von Privatpersonen verfasst, die sich mit der Geschichte ihres Herkunfts- oder Wohnorts beschäftigen. Die Autor*innen sind daher oftmals direkt in die Strukturen eingebunden, über die sie schreiben, und halten das mündliche Wissen aus ihrem Dorf oder ihrer Stadt fest. Dadurch eröffnen solche Monografien oft eine subjektive Perspektive auf die Geschichte eines Ortes, die stark von den eigenen Erfahrungen der Autor*innen geprägt ist.
Die Ergebnisse werden von Privatpersonen, aber oft auch von Gemeinden und Städten im Eigenverlag veröffentlicht. Meist dienen Jubiläen der Gemeinden oder ihrer Vereine als Anlass dafür, eine Ortsmonografie zu verfassen. Ziel solcher Publikationen ist es, den Bewohner*innen eine gemeinsame Geschichte aufzuzeigen, die identitätsstiftend wirkt und ein Gefühl der Zugehörigkeit zum Wohnort erweckt. Ortsmonografien sollen dabei sowohl eine wissenschaftliche Leserschaft als auch interessierte Laien ansprechen.
„Skandalgeschichten“ aus Stuttgart-Hedelfingen

Abb.1: Rose Heusers Ortsmonografie von Stuttgart-Hedelfingen „Mir scheint, es waren tausend Tage, abertausend“, Edition Künstlerhaus Stuttgart 10, Stuttgart 1982
„Mir scheint, es waren tausend Tage, abertausend“ lautet der Titel einer Hedelfinger Ortsbeschreibung von Rose Heuser. Die Autorin berichtet aus ihrer Kindheit im Stuttgarter Stadtteil, die sie bei ihrem Großvater im Gasthaus „Zur goldenen Traube“ verbracht hat. Rose Heuser beschreibt das Alltagsleben der Bewohner*innen von Hedelfingen in der Nachkriegszeit. Sie erzählt beispielsweise von einer Frau, die regelmäßig von ihrem Ehemann misshandelt wird. Und darüber, dass die Hedelfinger Bürger*innen das als gerechtfertigt ansahen, weil die Frau nie rechtzeitig das Geschirr abspülte. Das Ehepaar wird im Buch nicht nur namentlich genannt, sondern ist auch auf Fotos zu sehen. Diese und weitere Stellen in Heusers Beschreibungen dürfen laut eines Gerichtsurteils aus dem Jahr 1983 nicht mehr veröffentlicht werden, denn sie verstoßen gegen Persönlichkeitsrechte. „Mir scheint, es waren tausend Tage, abertausend“ ist Teil des Bestands „Ortsmonografien“ in der Bibliothek der Landesstelle für Alltagskultur – und wurde deswegen ebenfalls überprüft.
Wie wird aussortiert und „entsammelt“?

Abb.2: Ausgeräumt: leere Regale in der Landesstelle für Alltagskultur
Deakzession ist der Fachbegriff für die Abgabe von Sammlungsobjekten, Archivalien oder Büchern aus einer Bibliothek. Das Gegenteil davon ist Akzession, also die Aufnahme von Objekten und Büchern in eine Sammlung oder Bibliothek.
Zu den zentralen Aufgaben eines Museums wie dem Landesmuseum Württemberg zählt das Dokumentieren und Bewahren. Wenn wie in der Landesstelle für Alltagskultur der Bibliotheksbestands mit dem Ziel Bücher auszusortieren, überarbeitet wird, ist das eine eher unübliche Tätigkeit.
Der Prozess der Deakzession begann mit einem Vergleich des Ortsmonografien-Bestandes in der Landesstelle für Alltagskultur mit dem Bestand der Württembergischen Landesbibliothek (WLB). Dubletten wurden in einer Liste markiert und konnten aussortiert werden. Bevor eine Ortsmonografie den Bibliotheksbestand aber endgültig verlassen hat, wurde überprüft, ob genügend Exemplare in der WLB vorhanden sind. War dies der Fall, so wurden sie aus dem Bestand der Landesstelle für Alltagskultur ausgetragen. Dadurch werden die Bücher im Online-Katalog nicht mehr angezeigt und sie erhielten einen Stempel, der markiert, dass sie kein Teil der Bibliothek der Landesstelle für Alltagskultur mehr sind.

Abb.3: Ausgesonderte Bücher bekommen einen Stempel
Von der Bibliothek ins Antiquariat

Abb.4: Wohin mit all den Büchern?
Die Ortsmonografien wurden an ein Antiquariat weitergegeben, das auf wissenschaftliche Literatur spezialisiert ist und seine Bücher über einen Onlineshop vertreibt.
Ortsmonografien, die es im Südwestddeutschen Bibliotheksverbund (SWB) nur noch sehr selten gibt, verbleiben im Bestand der Landesstelle für Alltagskultur, können weiterhin über den Online-Katalog gefunden und in der Präsenzbibliothek gelesen werden.
So übreigens auch Rose Heusers Buch über Hedelfingen.
Inzwischen sind alle Ortsmonografien überprüft und teilweise aussortiert. Dennoch muss weiterhin umgeräumt werden, damit die ganze Abteilung Populär- und Alltagskultur bald zusammen unter einem Dach Platz findet.
Abbildungsnachweis und Nutzungsbedingungen:
Titelbild: Landesmuseum Württemberg, Elisabeth Dauhrer (CC BY-SA 4.0).
Abb.1: Buch: Rose Heuser und Kiwus Esser (Hg.): Mir scheint, waren tausend Tage, abertausend. Edition Künstlerhaus Stuttgart 10, Stuttgart 1982. Foto: Landesmuseum Württemberg, Urheberrechtsschutz (InC).
Abb.2 – 4: Landesmuseum Württemberg, Elisabeth Dauhrer (CC BY-SA 4.0).
Literatur:
Beer, Mathias: Das Heimatbuch als Schriftenklasse. Forschungsstand, historischer Kontext, Merkmale und Funktionen. In: Ders. (Hg.): Das Heimatbuch. Geschichte, Methodik, Wirkung. Göttingen 2010, S. 9-39.
Jeggle, Utz: Kiebingen- eine Heimatgeschichte. Zum Prozeß der Zivilisation in einem schwäbischen Dorf. Tübingen 1977.
Schmauder, Andreas: Ortsgeschichtliche Forschung in Südwestdeutschland. Das Beispiel „Gemeinde im Wandel“. In: Beer, Mathias (Hg.): Das Heimatbuch. Geschichte, Methodik, Wirkung. Göttingen 2010, S. 165-175.
Schöck, Gustav: Das Heimatbuch – Ortschronik und Integrationsmittel? Anmerkungen zum Geschichts- und Gesellschaftsbild in Heimatbüchern. In: Hampp, Irmgard/Assion, Peter (Hg.): Forschungen und Berichte zur Volkskunde in Baden-Württemberg. Band 3, Stuttgart 1977, S. 87-94.
https://www.landesarchiv-bw.de/de/landesarchiv/publikationen/kreis–und-oberamtsbeschreibungen/46062
