Reingeschmeckt – Eine Brezel der besonderen Art

In Bäckerfilialen in Stuttgart und Umgebung findet man sie gelegentlich: Die hell-dunkel gestreiften und mit Mandelblättchen garnierten süßen „Olgabrezeln“. Was für die Menschen aus der Region mehr oder weniger zum kulinarischen Alltag gehört, ist für „Neigschmeckte“ nicht nur geschmacklich ein Kuriosum. „Wie kam die Brezel zu ihrem Namen?“, fragte man uns kürzlich an der Landesstelle für Volkskunde. „Wann, wo und vom wem wurde das süße Stückle erstmals gebacken?“

Aufgedeckt – Was beim Essen alles mitgegessen wird

Eigentlich müssten wir diese Frage leicht beantworten können. Nicht nur, weil unsere Sammlungsbestände weitestgehend aus Württemberg stammen und die Olgabrezel in der Regel als „Schwäbisches Traditionsgebäck“ vermarktet wird, sondern auch, weil an der Landesstelle in der Vergangenheit recht umfangreiches Material zum Thema Nahrung gesammelt wurde.

Mappen der Sammlung „Speisen, Getränke, Gebäcke“ im Archiv der Landesstelle für Volkskunde

Der Blick in unsere Archivbestände offenbarte tatsächlich viel Spannendes rund ums Thema Brot und Gebäck: Von regionalen Bäckerbetrieben und dem Bäckerhandwerk, von Backhäusern und Backhausfesten, von Brotkonsum und -preisen, von Gebildbroten und Bräuchen rund ums Festtagsgebäck ist in dem überlieferten Material die Rede. Die thematische Vielfalt lässt erahnen, dass es bei den Themen Brot und Brezel nicht nur ums Sattwerden geht. Kulturelle, soziale und auch wirtschaftliche Aspekte sind Teil dieser Nahrungsmittel und werden quasi mitgegessen.

Zur Olgabrezel gab es in unserer Sammlung hingegen nichts Konkretes. Das einzige, was wir fanden, war die Abbildung einer sogenannten „Russenbrezel“ aus süßem Mürbeteig aus der Zeit um 1900. Eine vage, jedoch interessante Spur, denn „Olgabrezel“ und „Russenbrezel“ bezeichnen gegenwärtig ein- und dasselbe Gebäck.

Nachgefragt – Was Russenbrezel und Olgabrezel gemeinsam haben

Doch wie wurde aus der Russenbrezel die Olgabrezel, oder umgekehrt aus der Olgabrezel die Russenbrezel? Eindeutig lösen lässt sich dieses Henne-oder-Ei-Rätsel nicht, jedoch historisch einbetten: Von den Kolleginnen im Ulmer Museum Brot und Kunst erfahren wir, dass sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts in Kochbüchern immer häufiger Rezepte für süße Zucker-, Mandel-, Zimt-, Schokoladen- und Vanillebrezeln finden. Zeitlich ist das kein Zufall, denn für die Entwicklung der süßen Brezel gilt ähnliches wie für andere Nahrungsmittel auch: Süße, üppig gestaltete und reich verzierte Speisen waren ein Luxusgut, das sich erst durchsetzen konnte, als die Grundnahrung in einer Gesellschaft weitgehend gesichert war.

Im 19. Jahrhundert war es zudem durchaus üblich, feine Torten und feines Gebäck nach einer bekannten Persönlichkeit zu benennen. So kamen zum Beispiel die Prinzregententorte und die Fürst-Pückler-Torte zu ihren Namen. Dementsprechend ist es gut vorstellbar, dass ein Zuckerbäcker aus Stuttgart oder der umliegenden Region die Olgabrezel zu Ehren der Württembergischen Königin Olga kreiert hat. So jedenfalls lautet die gängige Erzählung.

Womit Königin Olga außerdem geehrt wird, ist hier nachzulesen.

Rezept für Zuckerbrezeln aus dem Jahr 1833.
© Badische Landesbibliothek Karlsruhe

 

Foto Header: I, NobbiP via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

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