NEUE KUNST IM ALTEN SCHLOSS

Am 23. Februar eröffnet die fünfwöchige Ausstellung NEUE KUNST IM ALTEN SCHLOSS und verwandelt unser drittes Stockwerk bei freiem Eintritt in einen Raum für zeitgenössische Kunst: bis 28. März werden hier Malerei und Zeichnung, Video und Skulptur, Installation und Begegnung von den FUKS-Künstlerinnen inszeniert. Sie arbeiten inmitten ihrer Ausstellung weiter und laden die Besucher*innen zum Verweilen ein.

FUKS – Freie Unabhängige Künstlerinnen Stuttgart sind Barbara Armbruster, Martina Geiger-Gerlach, Karima Klasen, Christa Munkert und Kerstin Schaefer. Frei nach dem Zitat von August von Kotzebue (1761-1819): „Drei Dinge sind bei Hofe unentbehrlich: Gesunde Beine, ein geschmeidiger Rücken und eine glatte Zunge“ bespielen sie unsere Sonderausstellungsfläche.

Ich habe den fünf Stuttgarterinnen einige Fragen gestellt, um für euch einen Blick hinter die Kulissen von FUKS und die Arbeit von freien Künstlerinnen zu werfen. Der Versuch eines (unvollständigen) Portraits…

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Barbara Armbruster: Mich interessieren Räume, Strukturen und Identitäten, kulturelle und gesellschaftliche, in unserer globalen Welt.

Christa Munkert: Aus dem Umgang mit Materialien, deren Aussehen und meiner Sicht darauf.

Martina Geiger-Gerlach: Aus dem ganz alltäglichen Leben. Meine Arbeit ist, das Vorhandene zu sehen. Eine interessante Beobachtung wird dann sehr lange und genauestens betrachtet bzw. in einem neuen, mir konsequent erscheinenden Zusammenhang praktisch erprobt und fortgeführt. Die Essenz dieses Prozesses muss dann in eine zugängliche Form gebracht werden, so dass auch Andere gerne genauer hinschauen.

Karima Klasen: Offen für Inspirationen zu sein ist eine Lebenseinstellung. Inspirieren kann vieles. Im Alltag steckt viel Inspiration, in den Menschen, in der Natur, in Situationen, in Kunst, im Reisen und darin eben offen in die Welt zu gehen.

Kerstin Schaefer: Meine Inspiration speist sich aus Träumen, Naturerlebnissen, Geistesblitzen, innigen Momenten, wenn ich spüre, dass etwas mich WIRKLICH bewegt und ich diese Energie ausdrücke – dann sitzt es meistens und die Energie wird im Bild/Bildwerk gespeichert, so dass ein Mensch, der sich dem Bildwerk zuwendet, diese Schwingung spüren, sich selbst und seine Gefühle darin neu sehen kann – idealerweise. Das strebe ich an!

Wie ist das Künstlerleben?

Martina Geiger-Gerlach: Anstrengend und bereichernd! Die große Freiheit bedeutet eben auch ohne Auftrag von außen, ohne Unterlass und meist ohne Budget und Honorar zu arbeiten. Aufkommende Zweifel lassen sich also nicht wenigstens durch die zu erwartende Entlohnung der Arbeit zähmen. Und dann ist da noch der Anspruch, dass das Ergebnis am Ende nicht nur für mich sondern vor allem gesellschaftlich relevant sein soll. Doch hilft nix, „… das ist schließlich die Arbeit der Piraten.“ (Kirsten Boie, Der kleine Pirat)

Martina Geiger-Gerlach im Freiluft-Atelier

Kerstin Schaefer: Wie jedes Leben: oft, aber nicht immer ein Genuss. Wie das weite Meer: Mit vielen elementaren Herausforderungen, Klippen, Sonnenaufgängen und Seegang, ab und zu ist Flaute und dann Orkan und immer wieder unter uns: ewige Tiefe der Ozeane. Bilder und Kunstwerke und Erkenntnisse sind wie kleine Luftblasen, die vom Meeresgrund aufsteigen und idealerweise zeitlos etwas Wesentliches ausdrücken, das man im eigenen Herzen versteht und wichtig findet, an das man sich wie bei einem Wiedersehen erinnert.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Martina Geiger-Gerlach: Meistens wie der von Büroangestellten: viele Stunden am Computer und viel Organisation. Und manchmal wie der von Forscher*innen oder Schatzsucher*innen. Da jedes Projekt ein völlig anderes Know-How erfordert, werde ich immer wieder zur erwartungsfrohen Anfängerin. Es gilt also erst mal gründlich zu recherchieren und angstfrei zu improvisieren. Die Option grandios zu scheitern wird immer mitgedacht.

Kerstin Schaefer: Ich freue mich immer, wenn ich Zeit für Menschen, Natur und das Mich-Versenken habe. Die Natur erschüttert mich immer wieder mit ihrer Macht und Schönheit, Malerei und das Lesen (insbesondere auch von Graphic Novels) bereichern mich, Farben, Formen, Kunst & Architektur umgeben mich und für die Menschen und Wesen lebe ich und versuche, das zu tun, was ich kann.

Christa Munkerts Antwort auf die Frage nach ihrem Alltag.

Wenn Sie keine künstlerische Laufbahn eingeschlagen hätten, was hätten Sie stattdessen gemacht?

Christa Munkert: Ich wäre Chirurgin geworden.

Karima Klasen: Neben der Kunst gilt mein Interesse und meine Liebe den Menschen, deshalb arbeite ich als freie Dozentin in der Kunstvermittlung. Wenn es allerdings um einen ganz anderen Berufsweg gehen kann, dann wäre ich Kommissarin geworden. Ich gehe den Dingen gerne auf den Grund, hinterfrage, kombiniere, studiere Vorfälle, Gegebenheiten und menschliche Verhaltensweisen.

Im Atelier von Karima Klasen, © Kai Fischer

Kerstin Schaefer: Das übersteigt meine Vorstellungskraft. Als Kind wollte ich als erstes Gärtnerin werden, das ist was ganz Ähnliches. Man tut einen Samen in die Erde, den man auch irgendwo gefunden hat und Erde, Sonne, Wasser und Wind tun ihr Übriges und ich rupfe höchstens mal Unkraut, um einer einzelnen Pflanze mehr Klarheit und Raum zu geben. Kunst und Natur: Natur ist alles und Kunst ist ein (eigentlich unnatürlicher aber manchmal wohltuender und klärender) Blick auf etwas Einzelnes, Herausgelöstes, Freistehendes, auch auf einen Zusammenhang – was aber aus dem großen Ganzen kommt.

Waren Sie als Kind schon künstlerisch tätig?

Barbara Armbruster: Ja, zu zeichnen und zu malen waren wichtige Bestandteile meines Daseins.

Christa Munkert: Als Tochter älterer Eltern sollte ich bei Besuchen von deren Freunden und in Lokalen nicht laut sein. So bekam ich Papier, Blei-, und Buntstifte, Schere, Leim und hatte Zeit bildnerische Ausdrucksmittel auszuprobieren. Gesichter und Hände, Gläser, Teller waren vorhanden, also wurden sie abgezeichnet. Es entstanden Häuser und Treppen, Landschaften aus Zigarettenschachteln… Das wurde sehr oft wiederholt und hat sich so eingeschrieben.

Wie sind die Reaktionen auf Ihre Berufswahl?

Barbara Armbruster: Überrascht und neugierig, mehr darüber zu erfahren.

Karima Klasen: Es ist manchmal nicht einfach, zu erklären was man als Künstler so macht bzw. es scheinen Vorstellungen zu existieren, die sich eher auf eine überholte Definition der künstlerischen Identität beziehen. Ich glaube, dass viele Menschen den Künstler im Atelier sehen und die Vorstellung haben, das alleine die Kunstproduktion ausreicht und alle anderen Tätigkeiten (Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit, Organisation, Budgetplanung, Projektkonzeption u.a.) nicht anfallen oder von anderen erledigt werden. Was für eine wunderbare Vorstellung, die aber nicht der Realität entspricht. Kunst ist Berufung und eine selbständige Tätigkeit, die ein breites Skill-Set und viel Management und Büroarbeit beinhaltet. Wer heute nicht auf vielen verschieben Ebenen agiert, wird nicht gesehen.

Was war Ihr schönster Moment?

Karima Klasen: Zum Briefkasten zu gehen, einen Umschlag zu finden in dem steht, dass ich für ein Stipendium zum Studium der Malerei in Amerika ausgewählt wurde. Das war ein wunderbares Geschenk und die absolute Glückseligkeit.

Kerstin Schaefer: Jedes Mal, wenn ich so vertieft in die Arbeit bin, dass ich mich selbst vergesse und dann wie aufwache und es ist was entstanden, das sich eindeutig so anfühlt, als sei es aus sich selbst heraus entstanden. Das ist KUNST. Ich fühle mich da nur als begeistertes und engagiertes Werksubjekt, das „den Kanal freihält“.

Das Atelier von Kerstin Schaefer, © Marina Gärtner

Was macht Ihnen am meisten Spaß und was weniger?

Karima Klasen: Sich frei entscheiden zu können ist ein Privileg. Das wird gerade in der ersten Welt so oft vergessen. Ich bin Künstlerin geworden, weil es meine Berufung ist und ich in vielen Entscheidungen, auch in Bezug auf meine Schwerpunkte und Tätigkeiten, die Wahl habe. Deshalb macht eigentlich fast alles Spaß. Große Wandgemälde und Raumkonzepte vor Ort umzusetzen, ist super. Kunst unterrichten bringt ebenfalls Freude. Organisieren, planen, kommunizieren und denken beinhalten neue Erkenntnisse und Wachstum.
Herausfordernd ist das Schreiben über die eigene Arbeit. Das können Autoren, Kunsthistoriker oder Theoretiker oft besser. Für Marketing und PR fehlt durch die vielfältigen Aufgaben oft die Zeit. Alles in allem gibt es immer etwas zu tun und wenn eine Arbeit getan ist, geht es direkt weiter. Aber auch dieser Umstand fühlt sich gut an.

Haben Sie auch unkreative Momente? Wie gehen Sie damit um?

Barbara Armbruster: Wunderbar, sie sind die Basis für Forschungen, experimentieren…, neue Ideen.

Kerstin Schaefer: Kein Mensch hat sowas, manchmal braucht man einfach Ruhe – und Zeit für Kontemplation. Kreativität wird höchstens durch die Abwendung vom Stimmigen unterbunden: Hinwendung zum Stimmigen hilft sofort!

Wie würden Sie Ihre Kunst beschreiben?

Barbara Armbruster: „Mir geht es nie um Kunst, sondern…, wofür Kunst benutzt werden kann“ (Gerhard Richter)
In einigen Titeln meiner Ausstellungen, wie etwa „Zwischen Licht, Lärm und Stille“ oder „Here and There, in my Mind and Body“ oder „InsideOutside“ klingen die Spannungsfelder an, die mich in meiner künstlerischen Arbeit beschäftigen. Besonders geprägt hat mich die Stadt Kairo, die mehrere Jahre für mich Lebensraum und Kunstraum zugleich war. Daher verfolge ich einen Kultur übergreifenden Ansatz in meiner Arbeit und verknüpft Aspekte aus unterschiedlichen Lebensräumen und Zeitepochen. Neben großformatigen Zeichnungen und performativen Videos spielen in einem mehrschichtigen Beziehungsgeflecht auch Fotografie, Installation und Malerei eine Rolle.

Barbara Armbruster im Atelier

Christa Munkert: Farbige Flächen aus Bildern auf Keilrahmen neben Pappen, Kunststoffen, Kleiderstoffen. Unterschiedlichste Texturen, Formen, Farben und Größen. Sie werden solange auseinander- und wieder zusammengestellt, bis nix mehr hinzu oder weg kann. Das wird mittels der Fotografie überprüft: Lässt sich das Bild auch auf dem Kopf ansehen? Auf der linken Seite? Auf der rechten Seite? Dann ruht das Bild. Immer wieder und wieder wird es der Begutachtung unterzogen. Wenn es meinem Blick standhält, ist es fertig.

Martina Geiger-Gerlach: „Vom Nutzen und Wirken der schönen Künste“

Kerstin Schaefer: Kraftvoll, hintergründig, subversiv, stärkend, humorvoll, sinnvoll und frech und ganz am Ende harmonisch.

Ihr größter Erfolg?

Martina Geiger-Gerlach: Das strategische Konzept „Raumwunder“ zum Interims-Wohnen in leer stehenden Häusern. Diese künstlerische Intervention, eine einvernehmliche Hausbesetzung, brachte Menschen mit verschiedensten Interessen, kulturellen Hintergründen und aller Generationen zusammen. Die beteiligte Wohnungsbaufirma und die amtlichen Behörden hätten ohne mein künstlerisches Konzept nicht so pragmatisch handeln können, wie sie eigentlich längst wollten. Die Kunst wurde definitiv gebraucht und ihre vielzitierte Freiheit von allen freudig überrascht genutzt und genossen – eine beflügelnde Erfahrung!

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Um noch mehr NEUE KUNST IM ALTEN SCHLOSS zu zeigen, werden übrigens Künstlerkolleg*innen aus allen Sparten eingeladen das Rahmenprogramm „Raum im Raum für Kunst – special guests von Kerstin Schaefer“ zu gestalten. Der Eintritt ist immer frei! Das komplette Programm findet ihr online in unserem Veranstaltungskalender.

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