Fata Morgana im Alten Schloss

Es ist Dampf auf dem Kessel. Die Stadt schwitzt. Und im Herzen der Stadt steht das Alte Schloss und saugt die Wärme auf wie ein Schwamm. Seit Mai haben die umfassenden Sanierungsmaßnahmen für das Erdgeschoss des altehrwürdigen Gebäudes begonnen und der Sommer ist hier die Zeit, das zu tun, was fachsprachlich „Rückbau“ heißt – vulgo: Abriss. Alles muss raus: Bodenbeläge, Heizungssysteme, Kabel, meterweise Kabel, die Decke, alles.

Dampf und Zeit

Während draußen die Stadt kocht, garen die Bauarbeiter im Inneren. Mit schwerem Gerät – Presslufthämmern und Betonsägen – gehen sie der Halle an die Substanz. Trotz Gebläsen und weiten Wandöffnungen steht Dampf im Raum. Ein Geruchsgemisch aus Betonstaub und Schweiß. Wie durch Nebelschwaden grüßt von einem hängen gebliebenen Plakat noch der Räuber Hotzenplotz und raunt in seinen Bart ein „Hora fugit“ (das ist kein Räuberfluch, das ist Latein und heißt: Die Stunde flieht.) Vergänglichkeitsgedanken liegen nahe in einer Halle in der alles spricht: „Ich war schon da, bevor Du kamst und war doch nie die, die ich jetzt bin – und schon morgen werde ich eine andere sein.“

Wer hat hier nicht alles schon versucht, seine Zeichen zu hinterlassen. Es ist jetzt die dritte Umarbeitung dieser Halle seit dem letzen Krieg, die vierte in den letzten hundert Jahren…die wievielte wohl, seit dem zum ersten Mal große, kraftvolle Hände die Steine beschlugen und zu Mauerwerk und Spitzbogenfenstern fügten? Dass Steine selbst so sehr vom Wandel sprechen können.

Vergangene Zeit und vergehender Raum

Vor nicht sehr langer Zeit, aber doch eben schon lange her, hat sich jemand mal sehr kunstvolle Toilettenanlagen für diese Halle ausgedacht, mit Stukko. So ein Hauch mediterranes Leben. Dachte er an Barbara Gonzaga? Sie, die von Mantua nach Württemberg heiratete, jenen Herzog Eberhard, der just dieses Schloss zu seiner Residenz erkor. Und wie groß war ihre Sehnsucht nach ihrer Heimat! Eberhard gab sich Mühe, ein bisschen Renaissance-Grandezza im Ländle zu bieten – im Rahmen seiner Möglichkeiten. Noch folgende Generationen arbeiteten daran.

Die einstmals stuckverzierten Toilettenräume

Einstmals Stukko, heute Staub und Sonne

Aber wieder zurück in die nicht ganz so sehr vergangene Vergangenheit, quasi ins Imperfekt. Also, jener, der die Stukko-Toiletten machte, dachte sich sicher etwas dabei – er hat undendliche Mühen auf das Entwerfen ritterlicher und burgdämlicher Toilettenpiktogramme verwendet. Die waren so eigen, dass selbst Wohlwollende manchmal davor verzweifelten bei der zwängenden Frage, welche Tür – die rechte, die linke? Die Piktogramme hatten dann einen erfolgreichen Nachfahren im Ritter Rost – aber eine direkte Verbindung ist nicht belegbar. Nur, dass Kinder die Schilder eigentlich ganz ok fanden.

Am heutigen Tag fiel gleißendes Licht in diese Räume – und es war nichts mehr davon geblieben, kein Stukko, kein Pikto… Werden spätere Generationen den Bildersturm verstehen? Werden sie sich fragen, wie konnten die nur? Vielleicht nicht…

Raum und Licht

Ein paar Tage ist es her, da kam eine junge Frau aus Thüringen und stellte eine Idee vor, für ein Lichtobjekt, dass der Halle zu neuer Festlichkeit verhelfen soll. Die Dame macht Objekte aus Glas. Jenem Material, das wie kein anderes an Träume und Vergänglichkeit erinnert. Es entstand eine Idee für ein Lichtobjekt, das sich aus vielen kleineren Teilen zusammen setzt, jeder ein Punkt im Raum. Jeder angestrahlt. Und wenn das Licht im Saal verklingt, glimmen die kleinen Punkte noch nach, bevor sie sich im Dunkel verlieren. Vielleicht eine gute Idee für einen Raum, der so viel hat kommen und gehen sehen, der selber in einer die Generationen übergreifenden Frequenz pulsiert, erstrahlt und wieder verhallt.

Fata Morgana einer Sommeroase

Gerade heute aber hallte lautes Kindergeschrei durch das Schloss. Im Innenhof, jenem Ort renaissancezeitlicher Lustbarkeiten, schallte das gellende Gelächter der Scharen von Kinder die Arkaden Empor und vermischte sich mit dem Sommerlicht. Eine Oase ist eingezogen in diesen schönsten Raum der Stadt. Eine Oase wie in der Wüste: mit Sand, mit Licht, mit Palmen und mit Wasser – und mit Freude und Rast und Erholung. Und mit kühlen Getränken – und mit sauren Pommesstäbchen, dem wahren Groschenglück.

Mit Leichtigkeit für den schönen Tag. Und das Schreien, Rufen und Lachen mischte sich in den Staub und das Dröhnen der Betonsäge und fiel mit den Kaskaden der Sonnenstrahlen durch die hohen Fenster und sprach zu all dem Gewesenen: so heiter hört sich Deine Zukunft an.

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