Der Sommeranfang wird mit verschiedenen Traditionen verknüpft, die den Beginn der wärmsten Jahreszeit markieren und je nach Land und Region eine unterschiedlich starke Rolle im Festkalender spielen.
Während etwa der an einem Samstag zwischen dem 19. bis 25. Juni gefeierte Mittsommer in Schweden zu den Höhepunkten im Jahr zählt, nimmt das traditionelle Johannisfest im deutschsprachigen Raum keinen vergleichbaren Stellenwert ein.

Abb. 1: Schmücken und Aufstellen eines Mittsommerbaums in Schweden.
Termin
Das katholische Hochfest des Johannis (auch Sommerweihnacht) wird am 24. Juni gefeiert, dem liturgischen Geburtstag von Johannes dem Täufer, dessen tatsächlicher Geburtstag unbekannt ist. Es steht in enger Verbindung zur Sommersonnwende in den gemäßigten Breitengraden. An diesem Tag – dem längsten Tag des Jahres – erreicht die Sonne ihren höchsten Stand am Himmel. Auf der Nordhalbkugel liegt dieser Zeitpunkt meist zwischen dem 20. oder 21. Juni. Kenntnisse über die Sonnenwende haben eine lange Geschichte. Spätestens die Menschen im Neolithikum haben Kalenderberechnungen angestellt, bei denen den Sonnwenden besondere Aufmerksamkeit zukam, ohne dass Einzelheiten darüber bekannt sind. Weltberühmtes Beispiel ist die Megalithanlage in Stonehenge, die bis heute von neuheidnischen Gruppen für spirituelle Zeremonien genutzt wird. Wie die Fest-Vorläufer zur Sonnenwende bei den frühen agrarischen Gesellschaften ausgesehen haben mögen ist jedoch unbekannt.
Feuer
Zu den Hauptelementen des Brauchkomplexes gehört das Feuer, das v.a. in der älteren Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Relikt aus vorchristlicher Zeit interpretiert wird. Eine gesicherte Feuertradition zur Sonnenwende bei Germanen und Kelten gibt es nach heutiger Forschung jedoch nicht. Die ältesten Belege für Feuer in der Johannisnacht stammen aus dem Mittelalter – als früheste Quelle gilt eine Handschrift aus dem 12. Jh. aus dem Dom zu Neiße. Berichtet wird darin von städtischen Festlichkeiten mit Tänzen und Umritten um das Feuer, das in den Quellen mitunter auch als „sonnenwendfüre“ bezeichnet wird. Zur Zeit der Aufklärung wurde der Brauch als abergläubisch verurteilt und auch aufgrund der Brandgefahr wiederholt verboten. Erst im romantischen 19. Jahrhundert kamen die Feuerbräuche, vor allem auf dem Land, wieder auf. In Württemberg gehörte das Springen über das Feuer zu den Bräuchen am Johannisfest.

Abb. 2: Das Feuerspringen in Württemberg. Radierung, 1830.
Der wachsende Nationalismus im Europa des 19. Jahrhunderts ließ das Interesse an vorchristlichen Bezugspunkten wieder erstarken. Dazu gehörten auch Sonnwendfeiern, die zu politisch-propagandistischen Festterminen wurden und insbesondere während des Nationalsozialismus mit großen Gemeinschaftsfeuern und Aufmärschen instrumentalisiert wurden. Obwohl die Sonnwendfeuer fester Bestandteil des „nationalsozialistischen Feierjahres“ waren, kann die kulturelle Verwurzelung nicht allzu tief gewesen sein, da sie in den Nachkriegsjahren nicht fortgeführt wurden. Erst seit den 1980er Jahren lässt sich ein Revitalisierungstrend im deutschsprachigen Raum ausmachen. Erklärt wird dieses Phänomen mit der Esoterik-Welle und ihrer besonderen Affinität zu Feuer und Heidnischem, touristischen Marketingaktionen und der wachsenden Popularität von Fantasy-Literatur, die sich parallel zum sinkenden Einfluss der Kirchen auf die Gesellschaft entwickelt haben.
Feiern

Abb. 3: Ein Johannisstrauß.
Neben den Gemeinschaftsfeuern gibt es weitere, regional verschieden ausgeprägte Brauchelemente, wie etwa die St. Johannis-Prozessionen in Venezuela, die seit 2021 Teil des von der UNESCO gelisteten immateriellen Kulturerbes sind. Oft gehören auch typische Speisen und Getränke zum Fest. So isst man im Alpenraum und Süddeutschland gerne Holunderküchlein („Hollerstrauben“), wohingegen zum schwedischen Mittsommerfest unbedingt eingelegter Hering und Erdbeeren gehören. Im Zuge der Schwedenbegeisterung seit den 1970er Jahren und Vermarktung des Mittsommers durch Ikea entwickelten sich auch in Deutschland Beziehungen zur schwedischen Populärkultur.
Vor allem die in voller Blüte stehende Vegetation taucht bei den meisten Traditionen rund um die Sommersonnwende als Thema auf. Mitunter werden Sonnwendbäume aufgestellt, um die herum gemeinschaftlich getanzt wird, und es werden bestimmte Pflanzen – meist Kräuter – gesammelt. Sie werden zu Sträußen oder Kränzen gebunden, denn den um Johanni gepflückten Kräutern wird eine starke Heilwirkung zugeschrieben. Der Johannistrauß besteht traditionell aus 7 bis 9 Kräutern, die Zusammensetzung unterscheidet sich von Region zu Region.
Heute werden die Feiern zur Sommersonnwende oft von Vereinen oder Gemeinden veranstaltet. Wie alle Bräuche sind auch Sonnwendfeiern Ausdruck von Zugehörigkeit und brauchen den sozialen Austausch um zu funktionieren. Mit dem ständigen Wandel der Gesellschaft ändern sich jedoch auch ihre Feste. Anpassungen an moderne Gegebenheiten und neue Einflüsse sind dabei für das Fortbestehen ebenso wichtig wie Beständigkeit, wofür die Traditionen zum Sommeranfang ein gutes Beispiel sind.
Abbildungen:
Abb. 1: Foto: Höglund, Terttu 1994. Nordiska museet.
Abb. 2: Radierung von Johann Baptist Pflug, 1830. Landesmuseum Württemberg.
Headerbild und Abb. 3: Foto: Sigrid Milla, millasgarten.
Literatur und Quellen:
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Wolf, Helga Maria: Das Brauchbuch – Alte Bräuche, Neue Bräuche, Antibräuche, Freiburg u. a 1992.
