Zwischen Schlachtengetümmel und Kaffeegenuss

Nicht nur bei einem Kaffee in der Dürnitz nach der Veranstaltung KulturKaffee kann man sich mit dem Thema Kaffee oder mit Tischkultur beschäftigen, auch unsere Neuerwerbungen werden in diesem Kontext ausgewählt, so auch bei einem vollständigen Service aus der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur, die Herzog Karl Eugen im Jahr 1758 gründete.


„Die Türken vor Wien. Europa und die Entscheidung an der Donau 1683

So hieß die Ausstellung des historischen Museums der Stadt Wien, die ich als Jugendliche während eines Besuchs bei Verwandten 1983 besuchte und die mich sehr beeindruckt hatte. Auch der dicke Katalog war einer der ersten in meiner inzwischen umfangreichen Bibliothek. Und was hat das jetzt mit dem Landesmuseum Württemberg zu tun?

Heute darf ich die weltweit größte Sammlung Alt-Ludwigsburger Porzellane betreuen, die zum Großteil im Keramikmuseum in Schloss Ludwigsburg in einer Studiengalerie ausgestellt ist. Dieser Sammlungsbereich ist einer der wenigen in dem wir weiter Neuerwerbungen tätigen, um Sammlungslücken zu schließen. Dies ist uns mit Hilfe von Lotto-Toto-Mitteln 2024 wieder gelungen, ein herzlicher Dank an alle Lottospieler!

Nach sogfältiger Überprüfung der Provenienz wurde ein sogenanntes „Bataillen“ Service zum Ankauf vorgeschlagen und fand allseitige Zustimmung. Es handelt sich um ein umfangreiches Kaffee-, Tee‑ und Schokoladenservice mit Schlachtenszenen (Abb. 1).

15-teiliges, weißes Geschirr-Service mit aufgemalten Szenenbildern.

Abb. 1: Service mit Schlachtenszenen, Ludwigsburg, um 1775

Das 56-teilige Service besteht aus einer Kaffee-, einer Tee- und einer Schokoladenkanne, einer Teedose mit vergoldeter Deckelfassung, einer Milchkanne, einer „Kumme“ (Schale zum Spülen der Tassen), einer Zuckerdose, einer ovalen Löffelschale, zwölf Teetassen mit Untertassen und zwölf Kaffeetassen mit Untertassen und ist damit vollständig. Die Modelle für die Serviceteile entsprechen dem seit 1759 verwendeten Typus mit Korbgeflechtrelief am Gefäßrand und Rocaillen an den Tüllen und Füßen. Die Bemalung, polychrome Bataillenmalerei, stammt größtenteils von Christian Gotthelf Grossman (1737-1786). Dieser hervorragende Porzellanmaler, zuvor in Meißen tätig, war auf vorzügliche Bataillen- und Jagdszenen spezialisiert. Vergleiche mit Malereien von Georg Michael Steinbrenner (um 1750-1824) und Philipp Jakob Ihle (1730- † unbekannt), die als „Kunstmaler“ tätig waren, legen nahe, dass auch diese beiden an den umfangreichen Malereien für dieses große Service beteiligt waren.

 

Und welche Lücke schließt es nun in unserer Sammlung?

Polychrome Darstellungen von Schlachtenszenen (Bataillenmalereien) sind in Ludwigsburg sehr selten und im LMW bisher nur durch zwei Einzelexemplare vertreten. Bemerkenswert ist die Malerei auf der Schokoladenkanne, die das Atmosphärische auf meisterhafte Weise in die Darstellung einbezieht und einen Schauplatz von unendlicher Weite und Tiefe schafft, vor allem durch die Art, wie sich die kräftige im Größenmaß nach der Tiefe zu gestaffelten Figuren allmählich in Rauch und Dunst verlieren (Abb. 2, Abb. 3).

Ein weißes Gefäß mit Ausguss und Deckel. Auf dem Gefäß ist eine Schlachtenszene gemalt.

Abb. 2: Reitergefecht auf der Schokoladenkanne

Weißes Gefäß mit Ausguss, Deckel und einem hölzernen Ausgussgriff.

Abb. 3: Reitergefecht auf der Schokoladenkanne

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch einige Miniaturszenen (Abb. 4), u. a. am Teedeckel, zeigen die hervorragende Qualität der Porzellanmalerei. Als Vorlagen können Gemälde und Grafiken der Augsburger Künstler Georg Philipp Rugendas oder Johann Elias Ridinger gedient haben. Eventuell sollten mit den Szenen Erinnerungen an die Schlacht von Belgrad 1717 während der Osmanenkriege wachgerufen werden. Herzog Carl Alexander, der Vater von Herzog Carl Eugen, hatte an der Seite des Prinzen Eugen von Savoyen erfolgreich für die kaiserlichen Truppen daran teilgenommen.

Weiße Teedose mit Deckel mit kleinen Malereien von Blumen und Pflanzen.

Abb. 4: Miniaturmalerei Teedosendeckel, Reiterangriff und zwei Soldaten im Gespräch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Gegenüberstellung von heftigen Schlachtschilderungen und ruhigeren Szenen – wie Schreib- und Malerei-Arbeiten, Kaffeetrinkern, Verhandlungen, galanten osmanischen Paaren oder der letzten Ölung – belegt ein facettenreiches Konzept für das Bildprogramm (Abb. 5, Abb. 6 ).

Eine helle Tasse mit regelmäßig leicht verbogenem Rand und Malerei.

Abb. 5: Galantes Osmanisches Paar auf einer Kaffeetasse

Blick auf eine helle Untertasse mit regelmäßigem leicht verbogenem Rand und Malerei in der Mitte.

Abb. 6: Mönch erteilt Sterbesakramente auf einer Untertasse

 

 

 

 

 

 

 

 

Viele Aspekte der höfischen Welt des Barock vereinen sich in diesem Service, angefangen mit den neugegründeten europäischen Porzellanmanufakturen, die nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten eine wichtige Rolle spielten, sondern auch zu einem grundlegenden Wandel der Tafelkultur führten, bis hin zu den Allianzen und Konflikten im geopolitischen Kontext Europas im 18. Jahrhundert.

Die Erwerbung dieses umfangreichen und vollständigen Service ist eine wesentliche Bereicherung der Sammlung Ludwigsburger Porzellans. Einer großen Öffentlichkeit soll dieses Service in der Großen Landeausstellung 2027/28 (Arbeitstitel „Wunderwelten des Barocks in Württemberg und Europa – Inszenierungen und Illusionen“) präsentiert werden.

Abbildungsnachweise und Nutzungsbedingungen

Abb. 1: Kaffee-, Tee und Schokoladenservice mit Schlachtenszenen, um 1775, Porzellan; Landesmuseum Württemberg, Jonathan Leliveldt, Alexander Lohmann (CC BY 4.0), 2024-26.
Abb. 2: Schokoladenkanne mit Reitergefecht, um 1775, Porzellan; Landesmuseum Württemberg, Alexander Lohmann (CC BY 4.0), 2024-26.
Abb. 3: Schokoladenkanne mit Reitergefecht, um 1775, Porzellan; Landesmuseum Württemberg, Alexander Lohmann (CC BY 4.0), 2024-26.
Abb. 4: Teedosendeckel mit Miniaturmalerei, Reiterangriff und zwei Soldaten im Gespräch, um 1775, Porzellan; Landesmuseum Württemberg, Alexander Lohmann (CC BY 4.0), 2024-26.
Abb. 5: Kaffeetasse mit galantem Osmanischen Paar, um 1775, Porzellan; Landesmuseum Württemberg, Alexander Lohmann (CC BY 4.0), 2024-26.
Abb. 6: Untertasse mit Mönch, der Sterbesakramente erteilt, um 1775, Porzellan; Landesmuseum Württemberg, Alexander Lohmann (CC BY 4.0), 2024-26.

Literatur:

Mechthild Landenberger, Deutsche Porzellane des 18. Jahrhunderts in der Sammlung Hermann J. Abs, in: Festschrift Hermann J. Abs zum 15. Oktober 1961, S. 126.

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