Von der Liebe und anderen Grausamkeiten

Über die Entstehung von „Wankelmut der Herzen“ und die Frage, was ein Musiktheaterprojekt im Museum verloren hat

Was haben ein flammender Engel, ein wandernder Uterus und Friedrich Engels gemeinsam? Sie alle sind Motive in dem musikalischen Stationen-Theater „Wankelmut der Herzen“, das am 09. August 2019 im Landesmuseum Württemberg (LMW) seine Premiere feiert.

Wenn ich mich heute im 3. OG des LMW umschaue, blicken mir zwei großformatige Heiligen-Bilder entgegen, fünf antikisierende Stoffsäulen leuchten in einer Ecke und ein riesiger silbrig glitzernder Lametta-Vorhang bewegt sich sachte im Wind. Vor noch fünf Wochen war noch nichts von alledem hier. Vor fünf Wochen bin ich aus Leipzig nach Stuttgart gereist, Sitz meiner Theatergruppe Goldstaub, und gleich vom Zug ins Museum gesprungen.

Bühnenbildnerin Johana Gómez, (c)Jeffrey Döring

Davor lagen Monate an Konzeptionsarbeit, Bewerbungs-Gesprächen mit Sänger*innen und Musiker*innen via Skype und das Lesen unzähliger Abhandlungen über die Historie der Sexualität hinter mir. Wie ein dunkler Schlund streckte sich der Museums-Raum mir, den beiden Ausstatterinnen und Baby Adam entgegen als wir an diesem Montag-Vormittag hineingingen. Gähnende Leere, so sagt man so schön, erwartete uns hier noch.

Und doch war es für uns weder gähnend langweilig noch leer. Vor unserem geistigen Auge tat sich bereits ein Bühnenraum auf, dessen virtuelles Bild in unseren Köpfen nur noch zu Materie werden musste. Gerade Letzteres erforderte jedoch einige Wochen an Bau- und Näharbeit und das permanente Ausprobieren wie sich Material im Raum verhält.

Probenaufnahme von „Wankelmut der Herzen“, (c)Hendrik Zwietasch

Aber das wäre nur halb so schwierig, wenn innerhalb dieser fünf Wochen nicht auch noch der Faktor Mensch hinzukäme. Schließlich sollen sich in unserer performativen Ausstellung Sänger*innen bewegen – und singen. Dumm nur, dass Menschen sich nicht so leicht wie Stoffbahnen formen lassen. Da wird das Singen in einer Holzkiste oder liegend verkrümmt auf einem Museumsockel schon mal nicht nur ein Hindernis, sondern ein Ding des Unmöglichen. Aber warum überhaupt diese ganze Chose mit der Musik in einem Stationen-Theater im Museum?

Als das Landesmuseum Württemberg seine Ausschreibung für die Bespielung der Sonderausstellungsfläche im Zuge von „Hier geht was!“ veröffentlichte, war für uns als Gruppe sehr schnell klar, uns mit der Historie der Sexualität und Liebe auseinanderzusetzen. Gerade in den vergangenen Jahren begegnet uns immer wieder von politisch rechter Seite der Ausspruch, dass wir uns auf die „traditionellen“ Familienwerte und -modelle berufen sollen.

Crowdfunding-Aktion „Knutschen für die Kunst“, (c)Jeffrey Döring

Alternative Liebeskonzepte, queere Beziehungen oder die vermeintliche „Genderideologie“ würden die „deutsche Wertegemeinschaft zersetzen“. Bestes Beispiel für einen solchen Aufruf zur Tradition war wohl die „Demo für alle“ in Stuttgart 2015, die sich u.a. auch vor dem Landesmuseum Württemberg auf dem Schillerplatz versammelte.

Unsere Fragen darauf waren folglich:

Was ist die Tradition der Liebe überhaupt?

Wie sieht die Historie der Sexualität und Liebeskonzepte im europäischen Abendland aus?

Und auf welche Weise wird diese Geschichte präsentiert?

Das LMW bildete einen hervorragenden Ort, um diesen Fragen nachzuspüren. Wir fokussierten uns in unserer Recherche auf die Tabus, Ver- und Gebote der Liebe. Relativ schnell war für uns klar, dass es EINE Liebe nie gab und vermutlich nie geben wird.

Die Geschichte der Sexualität (wie wahrscheinlich jegliche Geschichtsschreibung) ist durchzogen von Brüchen, Veränderungen und Wandlungen. Angefangen von der homoerotischen Päderastie in der Antike, hin zur Verneinung fleischlicher Lust im christlichen Mittelalter, über die Vereinigung von antiken Erotikvorstellungen und christlichen Werten in der Renaissance, bis hin zur Pathologisierung von Formen der Sexualität durch die Psychoanalyse. Diese enormen Widersprüche und Unvereinbarkeiten der historischen Konzepte sollte ein Bühnenelement rahmen und vereinen, sodass am Ende doch noch ein sinnlicher Theaterabend daraus entstehen kann. So kam schließlich die Musik ins Spiel.

Von links: Lukas Eder, Carlos Negrín Lopéz, Hannah Gries, Lisa Ströckens und Benjamin Boresch performen Madrigale von Claudio Monteverdi für das Pressegespärch zu „Hier geht was!“, (c)Hendrik Zwietasch

Und natürlich wollten wir nicht mit irgendeinem Hintergrund-Fahrstuhl-Blümchen-Gedudel arbeiten. Ich entschied mich für die Madrigale Claudio Monteverdis. Denn das Besondere an dieser Musik ist nicht nur ihre enorme, affektgeladene Emotionalität, sondern auch ihr für uns kaum mehr vorstellbar erotischer Gehalt.

Monteverdi überschritt die strengen Formen des Madrigals zu seiner Zeit zugunsten des emotionalen Ausdrucks, der scheinbar so erschütternd sinnlich und verlockend war, das ihn die Kirche am liebsten verboten hätte.

Da dies nicht so recht klappen wollte, verfasste man kurzerhand sakrale Texte zur Musik und schon überlieferten sich diese Klänge durch die Kirchen bis in unsere heutige Zeit. Deshalb erscheint uns dieser barocke „Porno-Soundtrack“ heute auch so kirchlich und weihevoll. In Monteverdis Stücken tritt also diese Spannung zwischen frühneuzeitlicher (von der Antike inspirierter) Erotik und christlicher Doktrin bestens zutage. Und um Spannung, Widersprüche und Unvereinbarkeiten soll es ja auch bei uns gehen.

Doch so schön Dinge auf dem Konzeptpapier auch aussehen, so macht einem die Realität immer wieder einen Strich durch die Rechnung. So sind Monteverdis Madrigale bspw. nie dafür geschrieben worden, inszeniert oder szenisch interpretiert zu werden. Zu spielen und sich bewegen, während unsere fünf Sänger*innen diese betörend schönen Stücke singen, ist also gar nicht so einfach. Ebenso die Idee die Musiker*innen wie Ausstellungsobjekte in Glasvitrinen zu packen, funktioniert in der Theorie besser als in der Praxis. Glaswände sind schließlich nicht die beste Voraussetzung für ein sinnliches, akustisches Erlebnis und auch mangelnder Sauerstoff in engen Glasbehältern ist nicht gerade förderlich fürs Singen.

Aber im Laufe der Zeit haben wir gemeinsam als Team in den Proben Möglichkeiten entwickelt, wie das Konzept des installativen Stationen-Theaters und die Musik sich vereinen lassen. Begleitet wird dieses Cross-Over-Projekt aus Museumsausstellung, Musiktheater und Schauspiel zusätzlich durch animierte Projektionen im Raum und ein elektronisches Sounddesign. Weitere Herausforderungen in der Arbeit, die aber die wundervolle Chance bieten, diese historisierende Musik ins Heute zu führen.

Nach dieser monatelangen Konzept und wochenlangen Probenarbeit schaue ich also auf einen gefüllten Raum voller Objekte und Bühnenelemente, die alle ihre eigene Geschichte durch die Körper und Stimmen der Sänger*innen und Musiker*innen erzählen. Im Grunde fehlt jetzt nur noch eine letzte Komponente: das Publikum. Und gerade dieser Part einer Produktion ist der aufregendste, riskanteste, unvorhersehbarste, aber auch schönste und dankbarste Teil der Arbeit. Denn was hilft mir das schönste Liebeslied, wenn ich niemanden habe, dem ich es widmen kann?

Tickets für „Wankelmut der Herzen“ gibt es an der Museumskasse und im Online-Ticketshop!

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