Fahnen an Balkonen, gemeinsam gesungene Hymnen und große Emotionen: Internationale Fußballturniere machen sichtbar, wie stark sich viele Menschen mit ihrem Land identifizieren. Gerade in Deutschland sind sportliche Großereignisse oft die wenigen Anlässe, bei denen Nationalflaggen selbstverständlich zum Straßenbild gehören. Der Fußball bietet etwa einen vergleichsweise unpolitischen Rahmen, in dem nationale Zugehörigkeit unverfänglich öffentlich gezeigt werden kann.
Doch warum fällt uns das Feiern der Nation bei einem Fußballspiel oft leichter als am Nationalfeiertag? Und welche Rolle spielen Symbole wie Fahnen, Hymnen oder Feiertage für unser Zusammengehörigkeitsgefühl?
Was macht eine Nation aus?
Rechtlich regelt die Staatsbürgerschaft die Zugehörigkeit zu einem Staat. Nationale Identität hingegen entsteht durch ein Gefühl der Zugehörigkeit. Der Politikwissenschaftler Benedict Anderson bezeichnet Nationen deshalb als „vorgestellte Gemeinschaften“. Gemeinsame Geschichten, Symbole und Rituale schaffen emotionale Bindung und machen die abstrakte Idee einer Nation erfahrbar.
Flaggen, Hymnen und Nationalfeiertage sind dabei weit mehr als bloße Traditionen. Sie schaffen ein gemeinsames Bezugssystem, erzeugen emotionale Bindung und transportieren Geschichte und Erzählung. Sie sind aber auch politisch aufgeladen und umstritten.
Der deutsche Nationalfeiertag – eine Besonderheit
In Deutschland sind diese Aushandlungsprozesse durch die Geschichte besonders sensibel. Das zeigt sich auch am Tag der Deutschen Einheit. Während viele Länder ihre Nationalfeiertage mit großen Festen, Paraden oder Feuerwerken zelebrieren, wirkt der 3. Oktober häufig vergleichsweise nüchtern.
Seit der Wiedervereinigung erinnert der Tag der Deutschen Einheit an den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1990 und an die friedliche Revolution, die den historischen Umbruch möglich machte. Zuvor wurde in Ost und West unterschiedlich gefeiert: In der DDR war der 7. Oktober der „Tag der Republik“, der mit Militärparaden und staatlichen Inszenierungen begangen wurde. In der Bundesrepublik erinnerte der 17. Juni als damaliger „Tag der deutschen Einheit“ an den Volksaufstand in der DDR von 1953 und hielt zugleich die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung wach.
In vielen Ländern spielt der Nationalfeiertag eine wichtige Rolle, häufig geht er auf Gründungsereignisse zurück: Frankreich erinnert am 14. Juli an den Sturm auf die Bastille 1789, die USA feiern am 4. Juli ihre Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1776. Auch in der Schweiz steht der Nationalfeiertag am 1. August für die Entstehung des Landes. Gemeinsam ist vielen Nationalfeiertagen, dass sie große Erzählungen über Freiheit, Revolution, Unabhängigkeit oder Staatsgründung ins Zentrum stellen. Sie erzählen, woher eine Nation kommt – und wer sie sein möchte.
Nationalfeiertage im Wandel

Postkarte zur Feier des Regierungsjubiläums von Kaiser Wilhelm II
Ein Blick in die Sammlung des Landesmuseums Württemberg zeigt, wie sich nationale Feiertage im Lauf der Zeit immer wieder verändert haben. Vor der Entstehung des Nationalstaates standen vor allem Herrscher und militärische Siege im Mittelpunkt öffentlicher Feiern.
Postkarten aus dem deutschen Kaiserreich zeigen Kaiserporträts, Adler, Kronen und Wappen – ergänzt durch militärische Symbole, die Stärke und Einigkeit vermitteln sollten. So etwa diese Postkarte zum Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms II, die mit Reichsadler, Krone, Wappen und militärischen Symbolen verziert ist.

Postkarte von der Verfassungsfeier 1928 vor dem Hamburger Rathaus
Auch in der Weimarer Republik gab es mit dem Verfassungstag am 11. August einen offiziellen Feiertag. Eine Postkarte von einer Verfassungsfeier auf dem Hamburger Rathausmarkt aus dem Jahr 1928 zeigt eine republikanische Kundgebung – und verweist gleichzeitig darauf, dass der „Verfassungsrummel“ durchaus umstritten war. Der Feiertag löste in der Bevölkerung nie breite Begeisterung aus.
Im Nationalsozialismus wurden zu verschiedenen Anlässen große und aufwendige Paraden veranstaltet, etwa zu Hitlers Geburtstag oder zu den Reichparteitagen. Öffentliche Feiern dienten als zentrale Propagandainstrumente. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die bis heute eher zurückhaltende Form deutscher Nationalfeiern.
Was Nationalfeiertage über eine Gesellschaft erzählen
Nationalfeiertage sind weit mehr als arbeitsfreie Tage. Sie spiegeln das Selbstbild einer Gesellschaft und eines Staates wider. Wie sehen sich die Mitglieder einer Gesellschaft? Woran machen sie Zugehörigkeit fest? Welche Ereignisse und Geschichten spielen im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft eine Rolle und welche werden weitererzählt? Wer fühlt sich angesprochen – und wer möglicherweise ausgeschlossen?
Für die Alltagskulturforschung sind genau diese Fragen spannend. Nationalfeiertage machen sichtbar, wie Gemeinschaft entsteht und wie sich gesellschaftliche Vorstellungen von Zugehörigkeit im Laufe der Zeit verändern.
Kulturkaffee zum Thema Nationalfeiertage
Wie entstehen Nationalfeiertage? Warum werden manche begeistert gefeiert, andere eher nüchtern begangen? Und was sagen sie über das Selbstverständnis einer Gesellschaft aus?
Über diese und weitere Fragen geht es beim Kulturkaffee am 16. Juli 2026 im Landesmuseum Württemberg. Wir werfen einen Blick auf die Geschichte von Nationalfeiertagen, ihre Symbole und Rituale sowie auf die Frage, welche Rolle sie heute noch für unsere Gesellschaft spielen.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch. Tickets sind online erhältlich.
Abbildungen:
Headerbild: „Autokorso in Moers, nach dem Erreichen des Viertelfinals [sic] der Fußballweltmeisterschaft 2006 der deutschen Mannschaft“, 22. Juni 2006, Foto: Elke Wetzig, CC BY-SA 3.0 – https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Wm_2006_autokorso.jpg
Abb. 1: Landesmuseum Württemberg, Landesstelle für Alltagskultur. Public Domain Mark 1.0.
Abb. 2: Tutor Verlag Hamburg. Landesmuseum Württemberg, Landesstelle für Alltagskultur. Public Domain Mark 1.0.
Literatur:
Anderson, Benedict: Imagined Communities. Revised Edition. London 2006.
