„Who is Dr. H?“ Oder auf den Spuren eines Silberpokals

Als Praktikantin habe ich mit einigem gerechnet, aber nicht mit einer Spurensuche, die beinahe Meisterdetektiven wie Sherlock Holmes und Co. würdig gewesen wäre.

Alles begann mit der Inventarisierung „meines ersten“ Objektes, das vor Kurzem durch eine Schenkung im Landesmuseum eingezogen ist. „Mein“ Objekt ist ein Silberpokal mit Deckel und Futteral, der einem gewissen Dr. H, alias Herrn Dr. Hartmann, zu seinem 50jährigen Dienstjubiläum 1842 überreicht wurde.

Ein Pokal? Und nun?

Und so war ich ziemlich überrascht, als mir Katharina Küster-Heise, Kuratorin für Kunsthandwerk von der Renaissance bis zum Biedermeier, hier im Landesmuseum den Silberpokal des Dr. H zeigte. Denn wie wahrscheinlich bei den meisten Kunstgeschichtsstudenten hat Kunsthandwerk in meinem Studium bisher eher eine kleine Rolle gespielt, was auch für den Kontakt zu „echten“ Objekten gilt, die selten aus der Nähe betrachtet werden können.

Zu einer Inventarisierung mit allem drum und dran gehören Arbeiten wie Maße nehmen, Künstler anhand der Meister- und Beschauungszeichen bestimmen, die Ergebnisse in einen Datenbankeintrag fließen lassen und für den digitalen Katalog aufbereiten usw.

Ein bisschen Eiche, ein bisschen Lorbeer – DIY im 19. Jahrhundert

Der Neuzugang, der Silberpokal des mysteriösen Dr. H, wurde vom Stuttgarter Hofsilberarbeiter Georg Christian Friedrich Sick gefertigt, von dem es schon ein paar Objekte im Landesmuseum gibt. Beispielsweise einen Deckelpokal in Form eines Füllhorns, der in der Schausammlung LegendäreMeisterWerke im Alten Schloss bestaunt werden kann.

Pokalfuß mit Meister- und Beschauungszeichen

Pokalfuß mit Meister- und Beschauungszeichen

Sick steckt aber nicht alleine hinter der Gestaltung des Pokals. Denn der Fuß, die Weinreben-, Lorbeer- und Eichenkränze sowie die Schlange am Schaft stammen von der Silberwarenfabrik P.Bruckmann & Söhne. Die Heilbronner Firma produzierte Zierelemente vor und verkaufte diese an andere Silberschmiede weiter. Diese wurden in Vorlagenheften mit dem prägnanten Namen „Abbildungen von geprägten Ornamenten, welche bei P. Bruckmann und Comp. in Heilbronn am Neckar in Silber und Messing fabrizirt werden“ abgebildet und der Auftraggeber konnte sich z.B. seinen individualisierten Pokal selbst zusammenstellen. Sozusagen ein DoItYourself-Projekt aus dem 19. Jahrhundert?

Das aufs Leib geschneiderte Gewand des Silberpokals, das Futteral, stammt von Friedrich Enslin aus Kirchheim unter Teck. Auf ihn weist ein Etikett im Inneren des Futterals. Neben seiner Arbeit in der Lederverarbeitung gab Enslin die örtliche Zeitung heraus und betrieb außerdem das erste Freibad Kirchheims.

Spurensuche à la Sherlock Holmes

Aber zurück zu Dr. H und meiner Recherchearbeit für die Inventarisierung: Im Fall des Silberpokals bedeutete das Feldforschung auf dem Oberhofenfriedhof in Göppingen. Denn dort ist der mysteriöse Oberamtsarzt Dr. Hartmann begraben, bei dem es sich eigentlich um den Mediziner Dr. Friedrich von Hartmann (1767 – 1851) handelt.

Hartmann arbeitete seit 1792 als Arzt in Göppingen, wo er nicht nur auf dem Friedhof seine Spuren hinterlassen hat. Er zeichnet sich besonderes durch sein Engagement für russische Kriegsgefangene aus. Die Soldaten waren 1805, zu Beginn der napoleonischen Kriege, an Typhus erkrankt, wodurch sich die Krankheit in Göppingen ausbreitete. Im Stadtteil Oberholz gibt es am Massengrab, dem „Russenfriedhof“, eine Gedenktafel, die an die zahlreichen Opfer und behandelten Ärzte Friedrich von Hartmann und Gottlieb Friedrich Oetinger erinnert. Außerdem setzte sich Hartmann für den Bau des 1829 eröffneten Krankenhauses der Stadt ein.

Neben seiner Arbeit als Arzt war Friedrich von Hartmann Naturforscher und Fossiliensammler. Er gab einem fossilen Krebs, dem Proeryon hartmanni, seinen Namen.

Nach 50 Jahren im Dienst mit so viel Einsatz und Hingabe hat Dr. Friedrich von Hartmann diesen Silberpokal wohl mehr als verdient.

Berufswunsch: Kunsthistorikerin und Meisterdetektivin?

Auf dieser Spurensuche mit vielen neuen Erkenntnissen konnte ich in die Fußstapfen von Sherlock Holmes und John Watson treten. „Kaffee gekocht“ habe ich während meines Praktikums kein einziges Mal, stattdessen aber meine kunsthistorische Spürnase in der Feldforschung üben können.

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