Das Schwert – reine Männersache?

„Du Narr! Kein Mann vermag mich zu töten!“ verhöhnt der furchterregende Hexenkönig von Angmar den Krieger, der sich ihm in der Schlacht auf dem Pelennor mutig entgegenstellt. Sein Gegner nimmt daraufhin den Helm ab, enthüllt eine lange, blonde Lockenpracht und ruft selbstbewusst „Ich bin kein Mann!“, bevor er dem Hexenkönig den Todesstoß versetzt. Damit erfüllt Éowyn, Nichte Königs Théoden von Rohan, in J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ die alte Prophezeiung des Elben Glorfindel, wonach der Anführer der Ringgeister „durch keines Mannes Hand“ fallen werde.

Alte und neue Heldinnen

„Ein richtiges Männerthema!“ bekommen wir derzeit häufig zu hören, wenn wir von unserer nächsten Ausstellung „Faszination Schwert“ berichten. Und tatsächlich denkt dabei so manch einer sicher erst einmal an Ritter, den Drachentöter Siegfried oder an den jungen Arnold Schwarzenegger als Conan der Barbar. Doch war’s das wirklich schon? Gerade die Populärkultur des 20. und 21. Jahrhunderts kann auch so einige schwertführende Frauen vorweisen, die unsere Vorstellungskraft wie ihre männlichen „Kollegen“ gleichermaßen beflügeln: Neben der bereits genannten Éowyn wäre da etwa die raubeinige Brienne of Tarth mit ihrem Schwert Oathkeeper im Serien-Blockbuster „Game of Thrones“ zu nennen oder Beatrix Kiddo, die in Quentin Tarentinos „Kill Bill“ mit einem japanischen Katana-Schwert ihre Todesliste systematisch abarbeitet.
In alten Sagen und in der Geschichte sind solche Heldinnen tatsächlich seltener. Aber auch diese Wenigen haben Generationen an Künstlern fasziniert. So sind Kämpferinnen wie die mythischen Amazonen, Jeanne d’Arc, die einem göttlichen Ruf folgend im Hundertjährigen Krieg (1337–1453) als militärische Anführerin der Franzosen auftrat oder auch Judith, die im Alten Testament den Kopf des assyrischen Generals Holofernes mit dessen eigenem Schwert abschlug Thema zahlreicher Werke der Bildenden Kunst, Literatur und Musik.

Alles Mannweiber?

In der Wahrnehmung schwertführender Frauen liegen aber schon seit jeher Faszination und Abscheu nah beieinander. In der klassischen Rollenverteilung war die Frau für Heim und Familie verantwortlich. Wenn sie zum Schwert, also zum männlich-kriegerischen Statussymbol schlechthin griff, wurde das als sozialer Tabubruch aufgefasst. Häufig wurden solche Frauen daher in einer emotionalen Ausnahmesituation dargestellt, in die sie durch äußere Umstände getrieben wurden. Sehr deutlich wird es am Beispiel der burgundischen Königstochter Kriemhild. Ihre Sehnsucht nach Rache für den Mord an ihren Mann Siegfried ist ein zentrales Thema des „Nibelungenlieds“. Nach jahrelangem Warten kann sie schließlich den Mörder, Hagen von Tronje, in eine Falle locken und enthauptet ihn kaltblütig mit Siegfrieds Schwert. Schon im 13. Jahrhundert, als das Versepos auf Mittelhochdeutsch niedergeschrieben wurde, diskutierte man heiß, ob ihre Tat nun verurteilt oder bewundert werden sollte.
Gerade weil die Rolle schwertführender Frauen in der Gesellschaft lange Zeit als so brisant galt, findet die tolerierte Darstellung von Frauen mit Schwert meist auf der symbolischen Ebene statt. Bekanntestes Beispiel ist Justitia, deren Erscheinung mit Augenbinde, Schwert und Waage auf das 13. Jahrhundert zurückgeht. Bis heute thront sie über Gerichte und Rechtsinstitutionen und verkörpert die Wahrung von Recht und Gerechtigkeit. Ihr Schwert ist ein Sinnbild für den Kampf gegen das Unrecht und die Kompromisslosigkeit der Justiz.

Ein Gegenstand – viele Facetten

Von einem Objekt ausgehend, können also viele spannende kulturhistorische Fragen abgeleitet werden. Das Schwert ist damit nicht mehr nur eine Waffe, sondern kann beispielsweise auch Aufschluss über die Wahrnehmung von Geschlechterrollen und deren Entwicklung über die Jahrhunderte hinweg geben. Dieser Vielzahl an Facetten nachzuspüren, macht die Aufgabe des Kurators besonders spannend.

Schwert-Expertinnen unter sich.

Schwert-Expertinnen unter sich.

Und übrigens: unser Kuratoren-Team für die Ausstellung „Faszination Schwert“ zählt fast so viele Frauen wie Männer – von wegen also reine Männersache!

 

 

 

 

 

Mehr zu schwertführenden Frauen – und Männern! – gibt es ab dem 13. Oktober 2018 bei uns im Alten Schloss in Stuttgart zu sehen.

11 Kommentare zu “Das Schwert – reine Männersache?”

    1. Das stimmt, es ist wirklich ein sehr spannendes und leider noch zu wenig erforschtes Thema! Herzlichen Dank für den Hinweis zu Julie d’Aubigny.
      Beste Grüße aus dem Alten Schloss!

  1. Euer Blog ist wirklich für unglaublich! Ich lerne, lerne, lerne! Weiter so! Ich wünsche Euch ganz viele Leser und noch mehr Kommentare! Und natürlich noch viel mehr Besucher!

  2. Ich denke auch dass die Frauen was die Handhabung des Schwerts betrifft in den Film zu selten vorkommen. Kill Bill von Quentin Tarentino ist ein tolles Beispiel, dort behauptet sich die Hauptdarstellerin gleich gegen hunderte männliche Gegner. Und natürlich auch Game of Thrones, ein besseren Beweis für weiblich Kampfeskunst mit dem Schwert kann es nicht geben 🙂

    Ein ganz toller Artikel, ich freue mich schon auf den nächsten.

    LG Saskia

    1. Vielen Dank für das positive Feedback!
      Beatrix Kiddo und Brienne of Tarth dürfen selbstverständlich bei der Schwert-Ausstellung nicht fehlen. Wonder Woman, Éowyn und Red Sonja werden ebenfalls mit von der Partie sein!

      Beste Grüße und frohe Ostern.

  3. Super Artikel, danke!

    Vielleicht hab ich auch noch was:

    Hier eine Dame über die ich mal bei einer Recherche gestolpert bin:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Ursula_Lancastro_y_Abreu

    Hier eine zeitgenössische Quelle:
    https://books.google.de/books?id=cKpjAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

    Dass eine Frau als Mann „verkleidet“ zu Schwert gegriffen hat scheint gar nicht so selten gewesen zu sein. Ich bin dann auf diese Liste gestoßen: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_als_Mann_verkleideter_weiblicher_Militärpersonen

    1. Herzlichen Dank für das Lob und die vielen Anregungen. Beides nehme ich gern entgegen 🙂
      Das Thema hat eben mehr Facetten, als es auf den ersten Blick erscheint. Im Hinblick auf China würde sich als Beispiel einer schwertführenden Heldin natürlich auch Mulan anbieten. In der Ausstellung „Faszination Schwert“ werden wir uns allerdings auf die Kulturgeschichte des Schwerts in Mitteleuropa beschränken.

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