Bonjour Narbonne! Vom Landesmuseum in den Bischofspalast

„Ganz schön viel Wind hier“, dachte ich mir, als ich vom Stuttgarter Kessel an die südfranzösische Küste kam. Im Palais-Musée des Archevêques de Narbonne war ich für einen „séjour professionnel“ aufgenommen worden. Einmal jährlich organisiert und fördert das DFJW, das HdG und die Direction générale des patrimoines deutsch-französische Arbeitsaufenthalte in Museen speziell für junge Museumsmitarbeiter*innen aus beiden Ländern. Als meine Bewerbung angenommen wurde, erhielt ich von Seiten des Landesmuseums sofort Zustimmung und wohlwollende Unterstützung, um an dem interessanten und lehrreichen Programm teilnehmen zu können.

Aller Anfang ist – Französisch!

Seit etwas mehr als einen Monat bin ich nun in der südfranzösischen Stadt und arbeite im Palais-Musée des Archevêques de Narbonne, im ehemaligen Palast der Erzbischöfe von Narbonne. Man hat mich hier im charmanten Lokalakzent und mit viel Herzlichkeit begrüßt. Ich fühlte mich sofort ins Team integriert und durfte gleich an mehreren Projekten mitarbeiten. Dank der netten Kollegen gewöhnte ich mich schnell im Museum ein. Auch die Stadt, mit ihrer reichen Geschichte, hatte ich direkt ins Herz geschlossen.

Narbonne ist vor allem aufgrund seiner Bedeutung als erste römische Kolonie außerhalb Italiens bekannt. Als antiker Verwaltungssitz und Handelsknotenpunkt zwischen Italien und der iberischen Halbinsel lag sie auf der berühmten Via Domitia, die in Teilen noch heute im Stadtbild zu sehen ist.

Die Via Domitia auf dem Rathausplatz von Narbonne

Die Via Domitia auf dem Rathausplatz von Narbonne

Das Horreum, unterirdische Galerien, die in der Antike als öffentliche Kühllager dienten. © Mairie de Narbonne CC BY-SA

Das Horreum, unterirdische Galerien, die in der Antike als öffentliche Kühllager dienten. © Mairie de Narbonne CC BY-SA

Im frühen Mittelalter wurde Narbonne nacheinander von den Westgoten, den Franken und den Mauren eingenommen, bevor es erneut an das Frankenreich fiel. Im Hochmittelalter gehörte Narbonne zur Grafschaft Toulouse und war durch den Einfluss der Katharer einer der vielen Schauplätze der Albigenserkriege. Danach fiel das Gebiet an die französische Krone und verlor stetig an Bedeutung. Nach der Französischen Revolution 1789 wurde das über tausendjährige Erzbistum von Narbonne (3. Jahrhundert bis 1801) aufgehoben und in das Bistum Carcassonne eingegliedert.

Polychromer Steinaltar, zweite Hälfte 14. Jahrhundert, Kathedrale St-Justus-St-Pastor. © Mairie de Narbonne CC BY-SA

Polychromer Steinaltar, zweite Hälfte 14. Jahrhundert, Kathedrale St-Justus-St-Pastor. © Mairie de Narbonne CC BY-SA

Die Sammlungen des Palais-Musée des Archevêques de Narbonne spiegeln diese reiche Geschichte und das Wohlwollen mehrerer Generationen privater Sammler wieder. Bronzezeitliche Schwerter, römische Mosaike und Wandmalereien, bemalte Holzdecken aus dem frühen 13. Jahrhundert und ein monumentaler Steinaltar zählen zu den Highlights der Sammlungen. Durch Schenkungen und Ankauf kamen gut sortierte Sammlungen außereuropäischen Kunstgewerbes, Ägyptica sowie die größte orientalistische Gemäldesammlung (nach dem Musée d’Orsay in Paris) ans Haus.

Das Bronzeschwert von Jugnes, circa 1500 vor Christus. © Mairie de Narbonne CC BY-SA

Pontifikale von Erzbischof Pierre de la Jugie, 14. Jahrhundert.

Pontifikale von Erzbischof Pierre de la Jugie, 14. Jahrhundert.

Elfenbein einer Kreuzigung, 9. Jahrhundert.

Elfenbein einer Kreuzigung, 9. Jahrhundert.

Viele neue Eindrücke

Für die Dauer meines Arbeitsaufenthaltes ist mir ein Platz im Büro der Direktorin eingerichtet worden. Durch den unmittelbaren Kontakt mit der Chefin des Hauses bin ich tagtäglich mitten im Geschehen und erhalte wertvolle Einblicke in ihre Arbeitsbereiche und Managementaufgaben.

Neben Sammlungsrecherche und Mitarbeit in der Kulturvermittlung arbeite ich auch an den Vorbereitungen für die im Juli eröffnende Sonderausstellung „Quoi de Neuf au Palais?“. In diesem Ausstellungsprojekt bin ich gleichzeitig an mehreren Fronten mit dabei: Ausstellungstexte überarbeiten, mit der Grafikerin die Layouts für die Kommunikation und Ausstellungspräsentation abstimmen, den Vitrinenaufbau simulieren und die Objekte aus dem Depot für den anstehenden Transport verpacken…

Erste Entwürfe für das Ausstellungsplakat

Erste Entwürfe für das Ausstellungsplakat

Provisorischer Aufbau für die Präsentation der Objekte in Vitrinen

Provisorischer Aufbau für die Präsentation der Objekte in Vitrinen

Meine Zeit hier in Narbonne ist bald zu Ende und ich freue mich, mit vielen neue Ideen und Eindrücken ans Landesmuseum zurück zu kehren. Da geht es dann direkt weiter mit den Vorbereitungen für die neue Schausammlung mittelalterlicher Skulpturen im Dominikanermuseum in Rottweil, einem unserer Zweigmuseen.

Ich freue mich schon! Bis bald in Stuttgart – A très bientôt!

Hippolyte Lazerges, Rêverie, 1883. © Mairie de Narbonne CC BY-SA

Hippolyte Lazerges, Rêverie, 1883. © Mairie de Narbonne CC BY-SA

4 Kommentare zu “Bonjour Narbonne! Vom Landesmuseum in den Bischofspalast”

  1. Bravo für diesen anschaulichen und liebevoll gestalteten Bericht über Ihren Arbeitsaufenthalt in Frankreich! Das deutsch-französische Austauschprogramm für junge Museumsmitarbeiter*innen gibt es seit mehr als 20 Jahren. Die Teilnehmenden lernen ihr Berufsfeld aus einer ganz neuen Perspektive kennen, werden zu Botschafter*innen ihres Museums und erleben die Besonderheiten der Museumslandschaft im Partnerland. Wir hoffen, dass dadurch wertvolle Brücken zwischen unseren beiden Ländern geschlagen und dauerhafte Kontakte geknüpft werden.
    https://www.dfjw.org/programme-aus-und-fortbildungen/arbeitsaufenthalte-im-museum.html

    1. Vielen Dank fürs Aufrechterhalten und Weiterführen dieses wunderbaren Programms! Ich konnte ein bisschen „Landesmuseum“ nach Narbonne bringen und freue mich bald die Eindrücke aus Frankreich mit den Stuttgarter Kollegen zu teilen. Die Museumswelt lebt von diesem regen, internationalen Austausch, der uns gemeinsam weiter bringt. Ich hoffe daher auf weitere 20 erfolgreiche Jahre für das deutsch-französische Museumsaustauschprogramm.

  2. „Viele neue Ideen und Eindrücke“. Welche? Schade, dass man hier nicht mehr über die interkulturelle Wahrnehmung erfährt. Problematik aber allgemein bekannt, interkulturelles Lernen wird oft nicht bewusst wahrgenommen, ist schwer zu beschreiben und geschieht nicht auf Anhieb. Es ist ein langwieriger Prozess. Solche Aufenthalte sind oft ein guter Anstoss!

  3. Vielen Dank für den interessanten Kommentar. In der Tat ist die Frage nach der „interkulturellen Wahrnehmung“ ein spannendes Feld, das ich hier nur streifen konnte. Neue Ideen und Eindrücke erhielt ich durch den konkreten Vergleich der Museumspraxis der beiden Häuser. Aufenthalte dieser Art sind neben dem (museums-)fachlichen Aspekt natürlich auch fruchtbar, um sich bestimmter kultureller Stereotype sowie der eigenen Kulturverhaftung bewusst zu werden und diese kritisch zu hinterfragen.

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